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A21-Tularämie

Tularämie

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

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Unter Tularämie (Erreger: Francisella tularensis) versteht man eine tödlich verlaufende ansteckende Erkrankung bei frei lebenden Nagetieren, die durch das BakteriumFrancisella tularensisausgelöst wird. Die Erkrankung kann auf den Menschen übertragen werden.

Da das Beschwerdebild dem der Pestähnelt und die Erkrankung sehr häufig Hasenund Wildkaninchenbefällt, wird sie häufig auch als Hasenpest bezeichnet. Andere Namen sind Nagerpest, Lemming-Fieber, Parinaud-Krankheit und Hirschfliegen-Fieber.

Inhaltsverzeichnis

  • 1 Geschichte
  • 2 Erreger
  • 3 Verbreitung
  • 4 Infektionsweg
  • 5 Inkubationszeit
  • 6 Symptome
    • 6.1 Tularämie bei Tieren
    • 6.2 Tularämie beim Menschen
      • 6.2.1 Äußere (lokalisierte) Formen
      • 6.2.2 Innere (invasive) Formen
  • 7 Diagnose
  • 8 Therapie
  • 9 Prognose
  • 10 Prophylaxe
  • 11 Weblinks

Geschichte

  • 1911wurde die Erkrankung erstmals von dem Mediziner George W. McCoybeschrieben.
  • 1912gelang Charles W. Chapindie Isolierung des Erregers aus einer Eichhörnchenart in Kalifornien.
  • Zwischen 1919und 1928beschäftigte sich Edward Francissehr ausführlich mit der Erkrankung und gab ihr den Namen "Tularämie", nach dem Ort Tularein Kalifornien/USA. Der wissenschaftliche Name des Erregers dieser Erkrankung Francisella tularensis wurde ebenfalls nach ihm benannt.
  • 1931wurde die Tularämie zum ersten Mal in Europa dokumentiert, und zwar an der Ostseeküste Mittelschwedens.
  • Zwischen 1936und 1950gelang den sowjetischen Wissenschaftlern H.A. Gaiski, B.Y. Elbert, Somovund Chateneverdie Entwicklung eines Impfstoffesgegen die Tularämie.
  • Aus dem Zweiten Weltkriegwerden in Russland Epidemienmit mehr als Hunderttausend Infektionengemeldet.
  • Von Ende 2001bis März 2002erkrankten im Kosovo700 Menschen an Tularämie.

Erreger

Der Erreger der Tularämie ist das hochansteckende Bakterium Francisella tularensis (früher auch: Pasteurella tularensis). Es handelt sich um ein sehr kleines, gramnegatives, kokkoides, sporenlosesStäbchen, das bisher keiner Bakterienfamiliezugeordnet werden kann und das schwer anzüchtbar ist. Das Bakterium wird durch Wärme und die herkömmlichen Desinfektionsmittelzerstört, ist aber gegenüber Kälte resistent. Bereits 10 bis 50 Bakterien als Aerosolkönnen einen Menschen infizieren. Der Erreger kann in gefrorenem Hasenfleisch bis zu 3 Jahre und in Boden und Wasser über mehrere Wochen überdauern.

Es sind zwei Varianten bekannt:

  • Francisella tularensis biovar tularensis (Typ A) in Nordamerika, der für gefährlichere Verläufe verantwortlich ist.
  • Francisella tularensis biovar palaearctica (Typ B) mit weltweiter Verbreitung.

Als Reservoirwirtedienen vor allem Tier wie Hasen, Biberund Schildzecken.

Verbreitung

  • Nordamerika zwischen 30°N und 71°N: USA (vor allem Arkansas, Missouri, Oklahoma, Tennessee, Kansasund Utah, anderen Bundesstaaten außer Hawaii), Kanadaund Mexiko? 1.500 Infektionen pro Jahr
  • Ostasienmit Japan(1.400 Infektionen in 70 Jahren) und Westrussland
  • Europa: insbesondere Skandinavien(20-50 pro Jahr), Tschechien(10), Slowakei(10), Spanien(55 Fälle seit 1997), Deutschland(2003 und 2004 jeweils drei Fälle, 2005 sechs bis sieben).

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg war die Krankheit in Deutschland wesentlich häufiger, vermutlich aufgrund der damals höheren Hasen- und Kaninchenpopulation und der stärkeren Nutzung dieser Tiere für die menschliche Ernährung. Rund 100 bis 200 Fälle wurden in dieser Zeit pro Jahr registriert.

Nach dem deutschen Infektionsschutzgesetzbesteht eine Meldepflicht der Erkrankung.

Im Oktober 2005infizierten sich sechs aus dem Landkreis Darmstadt-Dieburgstammende Jäger mit Tularämie. Bei einem siebten Jäger, der etwa vier Wochen später verstarb, wurde die Krankheit als Todesursache angenommen, da er die typischen Symptome zeigte. Unklar war jedoch, ob die Jäger sich beim Ausweiden eines zuvor vor Ort erlegten Hasen infizierten.

Infektionsweg

Als Vektorenfür den Erreger sind blutsaugende Ektoparasitenfestgestellt, also auf der Körperoberfläche lebende Parasiten, wie z.B. Mücken, Flöhe, Läuse, Wanzen, Milbenoder Zecken.

Die Parasiten kommen auf wild lebenden Nagetierenwie (Hasen, Wildkaninchen, Ratten, Mäuse, Eichhörnchen) vor, seltener auf Wildgeflügel, Fuchs, oder Nutz- und Haustieren (Schafe, Schweine, Rinder, Hunde, Katzen, Hamster).

Übertragung

  • über direkten und indirekten Kontakt mit infektiösen Nagetieren (auch: Jagen, Enthäutenoder Schlachten)
  • indirekt über die genannten blutsaugenden Ektoparasiten als Vektoren
  • über Schlamm oder verunreinigtes Wasser
  • durch das Einatmen erregerhaltigen Staubes (verunreinigtes Heu, Silofutter, Erde, Staub)
  • durch Verzehr von ungenügend erhitztem erregerhaltigem Fleisch.

Übertragungen von Mensch zu Mensch sind nicht bekannt geworden (sog. Anthropozoonose).

Inkubationszeit

Die Inkubationszeitder Tularämie bei Tieren beträgt 2 bis 3 Tage.
Beim Menschen liegt sie bei 2 bis 10 Tagen, kann aber auch bis zu 30 Tagen betragen.

Symptome

Die Tularämie verläuft bei Tieren und beim Menschen unterschiedlich.

Tularämie bei Tieren

Nach Übertragung der Erregerdurch Parasitenauf die Nagetierekommt es nach 2 bis 3 Tagen zu einer Septikämie, also einer Aussaat der Erreger mit dem Blut. Die Tiere fallen durch Schwäche, Fieber, eine gesteigerte Atmungsfrequenz und fehlendes Fluchtverhalten auf. Lymphknotenund Milzsind vergrößert. Innerhalb von 4 bis 13 Tagen sind die meisten Tiere verstorben. Chronischverlaufende Infektionen verlaufen nach 14 bis 60 Tagen tödlich.

Tularämie beim Menschen

Äußere (lokalisierte) Formen

  • ulzeroglanduläre(kutanoglanduläre) Tularämie
    • Häufigste Form der Tularämie (75-85%), die mit plötzlichem Fieberanstieg beginnt. Es bilden sich Geschwürean der Eintrittsstelle mit regionaler, oft eitriger, Entzündung der Lymphknoten.
  • okuloglanduläreTularämie (Parinaud-Konjunktivitis)
    • Die Eintrittspforte an der Bindehautdes Auges ist durch ein gelbliches Knötchen erkennbar, die Lymphknoten vor dem Ohr und im Hals sind geschwollen. Zusätzlich kommt es zu einer sehr schmerzhaften Konjunktivitis.
  • glanduläreTularämie
    • Es ist keine Eintrittspforte erkennbar und die Bildung von Geschwüren fehlt.
  • glandulo-pharyngealeTularämie
    • Diese Form ist vor allem bei Kindern zu erkennen.
    • Es sind Geschwüre in der Mundhöhle und im Rachenzu erkennen., die Lymphknoten im Kiefernwinkelsind geschwollen.

Innere (invasive) Formen

Die innere Form der Tularämie entsteht, wenn die Erreger eingeatmet werden oder auf dem Blutweg innere Organe erreichen. Es handelt sich dann um eine hochfieberhafte, gefährliche Erkrankung mit einer deutlich höheren Letalitätals bei den äußeren Formen.

  • typhöse(generalisierte oder septische) Tularämie
    • Diese Form entsteht vor allem bei Laborinfektionen oder nach dem Kontakt mit infizierten Schlachtblut: sehr oft sind die Lungenbefallen, die Patienten haben immer Fieber, Kopfschmerzen und Schweißausbrüche; Komplikationen sind Lungenabszesse, Mediastinitis, Meningitis, Perikarditis, Osteomyelitis, Rhabdomyolyse.
  • intestinaleTularämie
    • Übertragung wahrscheinlich durch den Verzehr ungenügend erhitzten Fleisches infizierter Tiere. Symptome sind Pharyngitis, Übelkeit, Erbrechen, Durchfälle und abdominelleSchmerzen.
  • thorakale(pulmonale) Tularämie
    • Am zweithäufigsten. Betrifft bevorzugt die Lunge und äußert sich dann als Pneumonie, also Lungenentzündung. Die Patienten leiden unter Husten, Auswurf, Luftnot und Schmerzen im Brustkorb.
  • abdominelleTularämie
    • TyphusähnlichesKrankheitsbild, bei dem Leberund Milzgeschwollen sind, die Patienten klagen über Bauchschmerzen und Durchfall.

Diagnose

Die Diagnose der Erkrankung wird im Tierversuch gestellt. Dazu wird erregerhaltiges Material auf Meerschweinchen, Ratten oder Mäuse übertragen. Indirekter Erregernachweis serologisch mit Agglutinationstestgegen Ende der 2. Woche. Der serologischeErregernachweis ist schwierig, da Kreuzreaktionen, z.B. mit dem Erreger von Typhusmöglich sind.

Therapie

Die Behandlung besteht in der Gabe von Antibiotika. Am besten wirksam ist Streptomycin. Alternativ kann Doxycyclinoder Gentamicineingesetzt werden. Die Erreger sind aber auch empfindlich gegenüber Tetrazyklinen, Erythromycinund Chloramphenicol. Gegenüber Penicillinund Sulfonamidenbesteht jedoch eine Resistenz.

Prognose

Bei der inneren Form der Tularämie des Menschen handelt sich um eine schwere, lebensbedrohliche Erkrankung, die behandelt in ca. 5 % der Fälle tödlich verläuft. Ohne antibiotische Behandlung kann die Sterblichkeit über 30 % betragen.

Die amerikanischen Tularämieformen haben eine höhere Virulenz, mit einer Letalität von 10 bis 35 %, als die europäischen Stämme. Hier liegt die Letalität bei ungefähr 5 %.

Prophylaxe

Besonders gefährdete Personen, wie z.B. Laborpersonal oder in der Land- bzw. Forstwirtschaft Tätige, können gegen Tularämie geimpft werden. Verwendet wird ein in seiner Wirkung abgeschwächter (attenuierter) Lebendimpfstoff, die Gaisky-Elbert-Vakzine. Das Überstehen der Erkrankung hinterlässt eine langjährige Immunität.




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