Hashimoto-Thyreoiditis
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Bei der Hashimoto-Thyreoiditis (auch autoimmune oder lymphozytäre Thyreoiditis oder AutoimmunthyreopathieTyp 1A und 2A) handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, die zu einer chronischen Entzündungder Schilddrüseführt. Bei dieser Form der Erkrankungen bildet der Körper infolge eines fehlgeleiteten Immunprozesses Abwehrstoffe (Antikörper), die das Schilddrüsengewebe zerstören. Diese Krankheit wurde nach dem japanischen Arzt Hakaru Hashimoto(1881-1934) benannt, der sie 1912 als erster beschrieb.
Inhaltsverzeichnis
|
Allgemeines
Es sind zwei verschiedene Verlaufsformen bekannt.
- hypertroph: Schilddrüse vergrößert sich, Strumabildung (Hashimoto-Thyreoiditis i.e.S.);
- atroph: Schilddrüse verkleinert sich (Ord-Thyreoiditis)
Beide Verlaufsformen werden heute i.d.R. unter dem Oberbegriff Hashimoto-Thyreoiditis zusammengefasst. Sowohl bei der atrophen wie auch der hypertrophen Form kommt es auf Dauer zu einer Schilddrüsenunterfunktion, wobei sich am Beginn der Erkrankung ? bedingt durch die Zerstörung des Schilddrüsen-Gewebes ? auch Phasen der Überfunktion zeigen können. Die Krankheit ist nicht heilbar.
Tritt die Krankheit in Kombination mit Morbus Addisonauf, so spricht man von einem Schmidt-Syndrom.
Häufigkeit
Hashimoto ist die häufigste Autoimmunkrankheit des Menschen. Konservativen Schätzungen zufolge leiden ca. 5 % der Bevölkerung an Hashimoto; Frauen erkranken sehr viel häufiger als Männer (Verhältnis ca. 8 : 1). Die Veranlagung für Hashimoto wird vererbt (d.h. es finden sich familiäre Häufungen), es kommt jedoch nicht zwangsläufig in jedem Fall zum Ausbruch der Krankheit. Bisherige Beobachtungen zeigen, dass Hashimoto häufig im Zusammenhang mit hormonellen Umstellungen (Pubertät, Entbindung, Wechseljahre), aber auch infolge von Belastungssituationen ausbrechen kann.
Symptome und Krankheitsverlauf
Im Vordergrund stehen meist die durch Unterfunktion der Schilddrüse verursachten Beschwerden:
- Niedrige Körpertemperatur
- Erhöhte Kälteempfindlichkeit
- Ödeme
- Kloß im Hals, Druckgefühl am oder im Hals, Strangulationsgefühl (auch nur phasenweise),
- Häufiges Räuspern und Hüsteln, heisere oder belegte Stimme (Stimmbandödem)
- Depressive Verstimmung, Motivationslosigkeit, Antriebslosigkeit
- Muskelschwäche
- trockene, rissige Haut
- trockene Schleimhäute
- brüchige Haare und Fingernägel
- Gewichtszunahme
- Verdauungsstörungen
Der Krankheitsverlauf ist bei einem Großteil der Erkrankten leicht, doch sind auch mittlere und schwere Verläufe bekannt. Die Symptome sind vielfältig und ? gerade am Beginn der Erkrankung - schwer zu fassen. Dazu kommt, dass die Vielzahl und Variabilität der Symptome und der schleichende Verlauf es sowohl für den Patienten wie auch den behandelnden Arzt schwierig machen, sie zuzuordnen. Neben körperlichen können auch eine Reihe psychischer Symptome in Erscheinung treten. Nicht selten werden Patienten wegen der unklaren Symptomlage als Hypochonder abgestempelt oder ihre Beschwerden als psychosomatisch eingestuft, ohne dass eine ausreichende Abklärung einer möglichen Schilddrüsen-Funktionsstörung erfolgt.
Unterfunktions-Symptome können bereits bei subklinischen (noch als euthyreot geltenden) Wertekonstellationen auftreten, weil der individuelle Wertespielraum i.d.R. sehr viel kleiner ist als das statistische, interindividuelle Referenzwertspektrum der 95%-Perzentile. Selbst subklinische Wertekonstellationen können bereits eine Minderung der Lebensqualität nach sich ziehen.
Erkennung
Diagnostisch relevant sind:
- TPO-AK (Antikörper gegen Thyreoperoxidase)
- TG-AK (Antikörper gegen Thyreoglobulin)
Im weit überwiegenden Teil der Fälle sind die Anti-TPO erhöht (mit oder ohne Erhöhung der Anti-TG). In einem weitaus geringeren Teil der Fälle sind nur die Anti-TG erhöht. Es existieren darüber hinaus - wenn auch selten - Fälle, in denen eine Hashimoto-Thyreoiditis vorliegt, ohne dass die genannten Antikörper erhöht sind.
Für die Stoffwechslage der Schilddrüse sind folgende Werte relevant:
- TSH (Thyroidaea-Stimulierendes Hormon) ,
- T3 (Triiodthyronin --> Hormon der Schilddrüse, wird aus T4 gebildet), bzw. freies T3 = fT3 (Anmerkung: Freie Werte sind ? v.a. bei Frauen - wesentlich aussagekräftiger als der gesamt-T-Wert, da die Gesamt-T-Werte im Gegensatz zu den "freien" Werten starken Wechselwirkungen mit den weiblichen Hormonen unterliegen und durch diese verfälscht werden können)
- T4 (Levothyroxin = L-Thyroxin --> Hormon der Schilddrüse), bzw. freies T4 = fT4 (Anmerkung: Freie Werte sind ? v.a. bei Frauen - wesentlich aussagekräftiger als der gesamt-T-Wert, da die Gesamt-T-Werte im Gegensatz zu den "freien" Werten starken Wechselwirkungen mit den weiblichen Hormonen unterliegen und durch diese verfälscht werden können)
Eine Schilddrüsendiagnostik, die sich ausschließlich auf den TSH stützt, ist zur Erkennung einer Hashimoto-Thyreoidis meist nicht aussagekräftig genug. Denn auch normwertiges TSH und normwertige freie T-Werte sind keine Ausschlusskriterien für das Vorhandensein einer Hashimoto-Thyreoiditis. Häufig bringen erst die Bestimmung der Antikörper und ein Sonogramm Klarheit. Sehr wichtig zur Diagnosestellung ist zudem das Bild der Schilddrüse im Ultraschall (Sonogramm), das typischerweise inhomogen und echoarm ist und damit auf den laufenden Zerstörungssprozess hinweist. Zudem kann die im Doppler-Sonogramm erkennbare verstärkte Durchblutung des Schilddrüsengewebes ein Hinweis auf das Vorhandensein eines Entzündungsherdes sein. Auch die Größe der Schilddrüse kann im Sonogramm beurteilt werden. Besonders auffällig sind dabei Größen über 20 ml Gesamtvolumen (echte Hashimoto-Thyreoiditis). Kleine Schilddrüsen mit einer Größe unter 10 ml sind typisch für ein verwandtes Krankheitsbild, die atrophische oder Ord-Thyreoiditis. Hierzulande ist diese so genannte atrophische Verlaufsform mit schrumpfender Schilddrüse häufiger als die hypertrophe Form mit Kropfbildung (Struma).
Insbesondere in der Anfangsphase der Erkrankung kann die Unterscheidung zwischen Hashimoto und Morbus Basedow (eine Autoimmunerkrankung, die zur Überproduktion von Schilddrüsenhormonen führt) schwierig sein, da auch bei Hashimoto anfängliche Überfunktionsschübe auftreten können. Meist kann dann eine Szintigraphie Klarheit bringen.
Behandlung
Die Hashimoto-Thyreoiditis selbst ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht heilbar; die Unterfunktion der Schilddrüse kann (muss) jedoch therapiert werden. Die Therapie erfolgt durch (einschleichende) Substitution von Hormonen, die der Körper aufgrund der chronischen Entzündung der Schilddrüse nicht mehr selber in ausreichendem Maße oder gar nicht mehr herstellen kann.
Die Substitution erfolgt durch die Gabe von Schilddrüsen-Hormonen.
- Standardmäßig ist die Gabe von Thyroxin(=T4, Levothyroxin).
- in einigen Fällen wird zum T4 auch T3 verordnet, wobei diese entweder als Kombinationspräparat mit festem T4/T3-Verhältnis oder als frei dosierbare Einzelpräparate verwendet werden können.
- Weiterhin kann in geeigneten Fällen Armour, das aus der Schilddrüse von Schweinen gewonnen wird, zum Einsatz kommen.
Iod(Jod) hingegen sollte bei einer Hashimoto-Thyreoiditis nicht eingenommen werden, da Iodüberschuss die Entzündung der Schilddrüse zusätzlich fördert. Die Gabe von Iod- oder Iodkombinationspräparaten bei erkannter Hashimoto-Thyreoiditis gilt als ärztlicher Kunstfehler.
Die Blutwerte TSH, fT3 und fT4 sollten regelmäßig überprüft werden, da sich im Laufe der Erkrankung Veränderungen einstellen, die eine Dosisanpassung erfordern. Zusätzlich sollte die Schilddrüse in regelmäßigen Abständen (alle 6-12 Monate) durch eine Sonographie auf ihrer Struktur hin geprüft werden. Die erfolgreiche Einstellung dauert meist mehrere Monate.
Bei der Behandlung ist sehr viel Geduld erforderlich. Je länger eine Unterfunktion andauert und je schwerer sie ist, umso langwieriger ist es i.d.R., einen befriedigenden Hormonstatus und Wohlbefinden zu erreichen. Auch Schwankungen oder Schübe können zum Krankheitsbild gehören und stellen erhöhte Anforderungen an Patient, Arzt und Umfeld.
Ursachen
Die genauen Wirkfaktoren, die zum Ausbruch einer Hashimoto-Thyreoiditis führen können, sind noch nicht hinreichend geklärt. Zur Debatte stehen neben einer familiären (genetischen) Vorbelastung auch Streß, schwer verlaufende Viruserkrankungen, wie Pfeiffersches Drüsenfieber, eine Gürtelroseund eine Dysfunktion der Nebennierenrinde. Heftig debattiert wird z.Z. über die Bedeutung einer übermäßigen Iodzufuhr für den Ausbruch der Krankheit. Während als relativ sicher gelten kann, dass sie, genau wie Morbus Basedow, durch hohe Ioddosen (Iodexzess) ausgelöst werden kann (z.B. durch iodhaltige Kontrastmittel), werden die möglichen Gefahren, die von einer Iodierung der Nahrungsmittel (Futtermitteliodierung) ausgehen, kontrovers diskutiert (vgl. Iodmangel, Iodallergie).
Sonstiges
Vorsorglich ist Erkrankten daher zu empfehlen, Iod in hohen Dosen zu meiden, da es die Aktivität der Schilddrüse erhöht, was die Angriffe des Autoimmunsystems verstärken kann. Iod- und Iodkombinationspräparate sind daher kontraindiziert. Es wird zudem empfohlen, auf iodiertes Speisesalz zu verzichten und den Konsum von Seefisch einzuschränken. ?Normale? Iodkonzentrationen in Lebensmitteln verursachen i.d.R. keine Probleme, wobei individuell höhere Empfindlichkeiten gegenüber Iod möglich sind.
Da eine Schilddrüsenunterfunktion häufig mit einem Mangel an Spurenelementen, Eisen, Magnesium und Vitaminen(z.B. B6, B12) einhergehen kann, kann sich eine diesbezügliche Abklärung lohnen. Ebenso ist vor Beginn der Hormon-Substitution eine Abklärung erforderlich, ob eine Erkrankung der Nebenniere / Nebennierenrinde vorliegt.
Wahrscheinlichkeit weiterer Autoimmunerkrankungen
Hashimoto-Patienten haben - gegenüber Gesunden - eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, an weiteren Leiden mit möglichem oder gesichertem autoimmunologischem Hintergrund zu erkranken (z.B. Morbus Addison, endokrine Orbitopathie, Zöliakie, perniziöse Anämie, Diabetes, Sarkoidose, Endometriose, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Vitiligo, Rosacea, Lupus erythematodesu.a.m)
Literatur
- Mary Shomon: Die gesunde Schilddrüse, Was Sie unbedingt wissen sollten über Gewichtsprobleme, Depressionen, Haarausfall und andere Beschwerden im Zusammenhang mit Hashimoto Thyreoiditis. (Originaltitel: Living well with Hypothyroidism), Goldmann Verlag, 2002, ISBN 3442163889
- Leveke Brakebusch, Armin Heufelder: Leben mit Hashimoto Thyreoiditis. Ein Ratgeber. 1. Auflage 2004, Zuckerschwerdt Verlag, ISBN 3886038378
- P.-M. Schumm-Draeger: Schilddrüsendiagnostik und -Therapie. Bayer. Ärzteblatt 4/2005
Inhalt steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation
