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Angst

Die Angst (seit dem 8. Jahrhundert, von gemein-indogermanisch*anghu-, ?beengend? über althochdeutschangust, urverwandtmit lateinischangustia, ?die Enge? und angor, ?das Würgen?) bezeichnet eine Empfindungs- und Verhaltenssituationaus Ungewissheit, (körperlicher) Anspannung und Furcht, die durch eine eingetretene oder erwartete Bedrohung (z.B. Schmerz, Verlust, Tod) hervorgerufen wird. Die Angstsensitivitätgibt an, wie sehr eine Person dazu neigt, Angst vor somatischen Angstreaktionen zu entwickeln.

Biologischgesehen ist die Angst ein Stresszustandvon starker Intensität als Antwort auf eine wahrgenommene Bedrohung, verbunden mit einem Gefühl körperlicher Spannung sowie starken Impulsen, der Situation zu entfliehen.

Ängstlichkeit ist dagegen eine persönliche Einstellung, bzw. Charaktereigenschaft.

Inhaltsverzeichnis

  • 1 Überblick
    • 1.1 Ablauf der Angstreaktion
    • 1.2 Störungen der Angstreaktion
  • 2 Historische Einordnung
  • 3 Angst und Religion
  • 4 Siehe auch
  • 5 Literatur
    • 5.1 Angst
    • 5.2 Angst und christlicher Glaube
  • 6 Weblinks

Überblick

Angst gilt als eine der primärenEmotionen. Sie ist normalerweise ein in die Zukunft gerichtetes Warnsignal. Da sie bei Bedrohung Anlass zu einem Vermeidungsverhalten gibt, schützt sie vor Gefahr und dient der Selbsterhaltung. Sie ist in diesem Fall ein biologisch angelegtes sinnvolles Reaktionsmuster, das der Energiebereitstellung dient ("Kampf- & Fluchtreaktion").

Ängste können ausgelöst werden durch bedrohliche angsteinflößende Situationenoder ihre Erwartung, durch Personen, Aussagen, Orteoder Erinnerungen. Die Auslöser können intern sein (etwa Symptome einer beobachteten körperlichen oder seelischen Unregelmäßigkeit) oder extern (z. B. Medienmeldungen über Lebensmittelskandale oder Katastrophen). Daneben können auch körperliche Erkrankungen wie etwa eine Schilddrüsenfehlfunktion aber auch seelische Störungen als Ursache von überschießenden Angstgefühlen in Betracht kommen.

Die körperlichen Symptome der Angst werden vom vegetativen Nervensystem gesteuert. Im sogenannten limbischen Systemdes Zwischenhirnsliegen zwei mandelförmige Nervenknoten (Mandelkerne, lat. Amygdalae), die der Bewertung einer Situation als gefährlich oder bedrohlich dienen. Alle Wahrnehmungen werden hier auf potentielle Gefahr überprüft. In funktionellen Magnetresonanztomografienlässt sich folgerichtig nach entsprechenden Reiz-Konfrontationen eine erhöhte Aktivität der Amygdala nachweisen.

Die Amygdala vergleicht das Reizmuster der jeweiligen Situation unter Zuhilfenahme des präfrontalen Kortexund des Hippocampusmit

  • angeborenen Schlüsselmerkmalen (z.B. Enge, Dunkelheit, Höhe, bestimmten Schemata wie z.B. Reißzähnen) sowie mit
  • Erfahrungswerten.

Sind eine Situation oder ein Gedanke unbekannt oder enthalten entsprechende Schlüsselreize, werden sie als potentiell bedrohlich eingestuft. Liegen Erfahrungswerte vor, wird anhand der Erinnerungen bestimmt, ob in dieser / vergleichbaren Situationen früher bereits ein Erregungszustand bestand. Auch in diesem Fall schaltet der Körper auf Alarm.

Aus dieser "lernfähigen" Angstreaktion entstehen sowohl adäquate Ängste vor bisher unbekannten Themen wie auch objektiv unbegründete Ängste bis hin zu Angststörungen. Als Sonderform der Angst tritt die Todesangst auf. In besonders bedrohlichen Situationen, zum Beispiel bei Vernichtungsschmerz, der beim Herzinfarktoder beim Ertrinkenauftreten kann, spielen keine anderen Empfindungenmehr eine vordergründige Rolle, einzig das Überlebenhat noch Bedeutung.

Angst muss nicht unbedingt spürbar sein. Sehr oft sind Ängste vorhanden, deren Existenz die Betroffenen nicht bestätigen können, da sie verdrängt werden. Besondere Ängste, die Charakterbestimmend sind, beschreibt Fritz Riemann. Die von ihm beschriebenen Ängste sehen nur wenige Menschen, obwohl jeder Mensch ein oder mehrere dieser Ängste besitzt.

In einer philosophischen Betrachtung ist die Angst des Menschen um sich selbst, die im Bewusstsein seiner Verwundbarkeit und Todesverfallenheit wurzelt, der letzte Grund für alle Unverantwortlichkeit und Unmenschlichkeit: Diese Angst ist der letzte Grund für alles Böse in unserer Welt. Die Angst um sich selbst ist Ausdruck einer konstitutionellen Seinsunsicherheit und nicht einfach eine Angst vor dem Sterben, sondern die Angst vor dem Verlust von allem. Wer aus der Angst um sich lebt, ist unfrei; man kann ihn mit dem erpressen, worauf er sein Vertrauen gesetzt hat (z.B. Geld, Karriere, Familie, usf.). Im Alltag kann die Angst um sich latent bleiben, so lange man sich im Besitz dessen wähnt, worauf man vertraut, d.h. so lange es einem gut geht. Das Vertrauen schlägt aber in Verzweiflung um, wenn man in dem bedroht wird, woraus man lebt. Jede Form von Gewalt bzw. kontraproduktiver Aggression hat hierin ihren Ursprung.

Ablauf der Angstreaktion

Hat die Amygdala eine Situation als bedrohlich eingestuft, wird über eine netzförmige Nervenstruktur im Hirnstamm das sogenannte ARAS(Aufsteigendes Retikuläres Aktivierungssystem) der gesamte Organismus in Alarmbereitschaft versetzt. Im Vegetativen Nervensystemüberwiegt dann die Aktivierung des Sympathikus. Dazu werden Hormone ausgeschüttet (u.a. Adrenalin), Nervenzellen vor-erregt und eine ganze Reihe von körperlichen Veränderungen eingeleitet, die den Körper auf Kampf oder Flucht vorbereiten. Das führt u.a. zu folgenden Reaktionen:

  • Erhöhte Aufmerksamkeit, Erhöhte Verarbeitungsgeschwindigkeit des Gehirns bei gleichzeitiger thematischer Einengung auf die angstauslösende Situation
  • Empfindlichere Wahrnehmung(Pupillen weiten sich, Seh- und Hörnerven werden empfindlicher)
  • Erhöhte Muskelanspannung, Erhöhte Reaktionsgeschwindigkeit
  • Erhöhte Herzfrequenz, erhöhter Blutdruck
  • Flachere und schnellere Atmung
  • Energiebereitstellung in Muskelnund Nervenzellen
  • Körperliche Reaktionen wie zum Beispiel Schwitzen, Zitternund Schwindelgefühl

Diese sinnvollen Reaktionen klingen nach Ende der bedrohlichen Situation relativ schnell wieder ab.

Störungen der Angstreaktion

Angst kann auch pathologische(krankhafte) Formen annehmen. Beispiele dazu sind die Phobien, u.a. die soziale Phobie(die Angst vor Menschen), oder die Agoraphobie(die Angst vor freien Flächen), oder spezifische Phobien wie die Angst vor Hunden, vor Tieren im Allgemeinen, vor Blut oder Gewitter. Weitere angstbezogene Störungen sind die Panikstörung, die generalisierte Angststörungund die mit Angst einhergehende Posttraumatische Belastungsstörung. (Mehr Informationen über Störungen der Angstreaktion finden sich unter Angststörung.)

Der größte Unterschied zwischen phobischen Störungenund anderen Angststörungenist die Objektbezogenheit. Während phobische Ängste sehr objektbezogen sind, lässt sich bei anderen Angststörungen meist kein äußerer Anlass für die aufkommende Angst erkennen.

Risikofaktoren zur Entstehung einer Angststörungsind: Alter, Geschlecht, genetische Faktoren, soziales Umfeld und gesellschaftliche Anerkennung, Kindheitsentwicklung/Erziehung, belastende/traumatische Erlebnisse.

Historische Einordnung

In der psychologischenLiteratur taucht der Begriff der Angst erst Anfang des 20. Jahrhunderts auf und bezeichnet zunächst, nach S. Freud, eine neurotischübersteigerte Furcht (Angstneurose). Später wurde der Begriff allgemeiner verwendet. Manche Autoren trennen das subjektive Gefühl der Angst, bei der man u. U. nicht genau benennen kann, wovor man sich fürchtet, von der objektiv auf einen Gegenstand oder ein Ereignis bezogenen Furcht.

Das Wort ?Angst? gibt es auch im Englischen. Es bedeutet so viel wie Existenzangst. Sie sprechen von "angst-ridden" (von Angst geritten, im Sinne von beherrscht). Vermutlich wurde das Wort 1849von George Elioteingeführt.

Angst und Religion

Theologisch gesprochen ist Angst das Gegenteil von Glaube. In allen Religionen geht es um die Entmachtung der Angst, auch dort, wo die Götterselbst als furchteinflößend erscheinen. Durch Ritualeund Opferversuchte der Mensch von Urzeit an, ihm unheimliche Mächte zu beeinflussen und gnädig zu stimmen.

Die Epikureerstrebten einen angstfreien Zustand an, indem sie zu zeigen versuchten, dass der Tod im Grunde den Menschen nichts angehe, weil er kein Ereignis des Lebens sei. Die Angst vor den Göttern sollte dadurch entmachtet werden, dass man für die Auffassung argumentierte, dass die Götter in einer abgetrennten Sphäre existierten und sich für die Sterblichen nicht interessierten.

Im Buddhismus besteht die "Erleuchtung" darin, das Ich und sein vielfältiges Begehren als unheilvolle und leidverursachende Illusion aufzudecken. Der Erleuchtete müsse nicht mehr aus der Angst um sich selbst leben, weil er erkannt habe, dass sein individuelles Selbst nur eine Täuschung sei: Er sei vom Ich befreit.

Der christliche Glaube versteht sich ursprünglich als liebende Gemeinschaft mit einem allmächtigen Gott, der in Jesus von NazaretBruder und Freund der Menschen geworden ist. Wer Anteil habe am bedingungslosen Gottesverhältnis Jesu, kann sich nach Aussage der neutestamentlichenBriefe angstfrei fühlen: er stehe nicht mehr unter der Macht der Angst vor wankelmütigen Göttern oder um sich selbst, sondern werde durch den Glauben befreit ("erlöst"). Im frühchristlichen Sonntagsgottesdienst war es darum ausdrücklich verboten, zu knien, um auszudrücken, dass der Christ Gott angstfrei auf Augenhöhe begegnen kann. Im Gegensatz dazu ist in der weiteren Geschichte des Christentumsder Begriff der Ehrfurchtoft missverstanden worden. Vor der Reformationherrschte beispielsweise eine allgemeine Jenseitsangstunter den Menschen, die Erwartung einer neuen Sintflutwar weitverbreitet. Insofern war die Frage Martin Luthersnach dem "gnädigen Gott" in seiner Zeit eine existentielle. Auch der Hexenwahnkann als Ausdruck von kollektiven Ängsten betrachtet werden. Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein sahen in Deutschland Katechetenbeider Konfessionendie Drohung mit der Hölleals adäquates erzieherisches Mittel an.

Ekklesiogene Neurosenund psychotischeWahnvorstellungen hängen oft mit angstbesetzten religiösen Vorstellungen zusammen.

Auf die Zusammenhänge zwischen Angst auf der einen und Religion, Politik, Sicherheitsdenken und Individuum auf der anderen Seite spielt Christoph Schlingensiefmit dem von ihm begründeten Projekt Church of Fearan.

Siehe auch

  • Furcht, Sorge, Angstsensitivität, Angststörung, Oralophobie, defensiver Pessimismus, Panik, Panikattacke, Sexualangst, Phobie, Prüfungsangst, Schulangst, Emotion, Erlernte Hilflosigkeit, Psychotherapie, Unheimliches, Anxiolytikum, Doppelbindungstheorie, Objekt klein a, Türkengefahr
  • Buchtitel: Angst (Stefan Zweig), Angst (Stephen Laws), Angst (Zbigniew Safjan), Keine Panik (Leidig / Glomp), Grundformen der Angst (Fritz Riemann)

Literatur

Angst

  • Rost, Detlef H.; Schermer, Franz J.: "Leistungsängstlichkeit". In Rost, Detlef H. (Hrsg.): "Handbuch der Pädagogische Psychologie". Weinheim 1998, 2001, ISBN 3-621-27491-X.
  • Harro Albrecht, Cornelia Stolze: Fehlalarm im Mandelkern. In: DIE ZEIT 29.12.2005 Nr.1? (Über Panikattacken - Phobien und die gestörte Biochemie im Hirn. Besonders schön die Abbildung von Karl Wesker, die das Gehirn von der Wahrnehmung eines Schattens bis hin zur Meldung "Fehlalarm" erklärt.)

Angst und christlicher Glaube

  • Peter Knauer: Unseren Glauben verstehen, Würzburg, 6. Auflage, 2001.
  • Monika Renz: Zeugnisse Sterbender: Todesnähe als Wandlung und letzte Reifung. 3. Aufl. Junfermann, Paderborn, 2005. ISBN 3-87387-622-1
  • Monika Renz: Zwischen Urangst und Urvertrauen: Therapie früher Störungen über Musik-, Symbol- und spirituelle Erfahrungen. Junfermann, Paderborn, 1996. ISBN 3-87387-263-3

Weblinks

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  • Grundwissen auf Selbsthilfeseite
  • Prüfungsangst
  • Angsttherapie
  • Psychosomatisches Forum
  • Ein ehemaliger Betroffener zeigt seinen Weg aus der Angst auf



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