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Dranginkontinenz

Das Wort Inkontinenzleitet sich aus der lateinischenSprache ab, in der Continentia Zurückhalten oder Unterdrücken bedeutet. "Incontinentia" heißt folglich das Unvermögen zu dieser Zurückhaltung. Nachfolgend wird besonders auf den unfreiwilligen Harnabgang eingegangen, die Harninkontinenz (Incontinentia urinae), die zwar kein lebensbedrohliches Krankheitsbild ist, aber aufgrund ihrer sozialen oder hygienischen Probleme zunehmend gesellschaftliches Interesse findet.

Inhaltsverzeichnis

  • 1 Häufigkeit und Stärke der Inkontinenz
    • 1.1 Häufigkeit der Inkontinenz
    • 1.2 Stärke der Inkontinenz
  • 2 Einteilung der Inkontinenzarten durch die ICS
    • 2.1 Stressinkontinenz (Belastungsinkontinenz)
      • 2.1.1 Diagnostik
      • 2.1.2 Behandlung
    • 2.2 Dranginkontinenz
      • 2.2.1 Diagnostik
      • 2.2.2 Behandlung
    • 2.3 Mischinkontinenz
    • 2.4 Überlaufinkontinenz
      • 2.4.1 Diagnostik
      • 2.4.2 Behandlung
    • 2.5 Reflexinkontinenz
      • 2.5.1 Diagnostik
      • 2.5.2 Behandlung
    • 2.6 Extraurethrale Inkontinenz
      • 2.6.1 Diagnostik
      • 2.6.2 Behandlung
  • 3 Psychologische und soziale Bedeutung der Inkontinenz
  • 4 Inkontinenzversorgung
    • 4.1 Toilettentraining
    • 4.2 Inkontinenzhilfsmittel
  • 5 Siehe auch
  • 6 Weblinks

Häufigkeit und Stärke der Inkontinenz

Inkontinenz, oder im Volksmund auch Blasenschwäche genannt, ist weiter verbreitet, als man zunächst vermuten möchte. Nicht nur in Deutschland ist Inkontinenz weit verbreitet, auch in den großen Industrienationen kommt Inkontinenz sehr häufig vor. Genaue Zahlen durch statistische Auswertungen gibt es nur wenige, da viele Betroffene nicht in Statistiken erfasst sind. Die einzigen einigermaßen verlässlichen Zahlen liefern die großen Hersteller von Inkontinenzhilfsmitteln. Betrachtet man diese Zahlen und vergleicht sie mit der Altersstrukur bei uns, so ist ein klarer Trend zu erkennen. Die Zahl der von Inkontinenz betroffenen Menschen steigt demnach ständig an. Bis zum Jahr 2050 sollen nach verschiedenen Hochrechnungen sogar fast 30 Prozent der Bundesbürger von Inkontinenz betroffen sein.

Häufigkeit der Inkontinenz

Von der Inkontinenz sind weltweit nach heutiger Schätzung 50 - 200 Millionen Menschen betroffen. Alleine in Deutschland sind etwa 5 bis 8 Millionen Menschen betroffen. Geht man von den Verkaufszahlen der Hersteller für Inkontinenzhilfsmittel aus, so dürften über 10 Millionen Menschen in Deutschland an Inkontinenz leiden. Wieso keine verlässlichen Zahlen vorliegen und die Dunkelziffer so hoch ist, darüber sind sich die Experten noch nicht ganz einig. Einer der Gründe dürfte wahrscheinlich sein, dass Inkontinenz immer noch zu sehr in unserer Gesellschaft tabuisiert wird, dass vor allem junge Menschen sich dieses Körperdefizit nicht eingestehen wollen und auch gegenüber ihrem Arzt nicht erwähnen. Erst wenn der Leidensdruck so hoch ist, dass sich die Inkontinenz nicht mehr verbergen lässt, wagen die meisten den Schritt zum Arzt. Manchmal kann es mehrere Jahre dauern, bis dieser Schritt getan wird.

Von den in Deutschland mit einer behandlungs- oder versorgungsbedürftigen Inkontinenz lebenden Menschen sind mehr als zwei Millionen älter als 60 Jahre, bei den über 80-jährigen sind es sogar nahezu 30%. Inkontinenz ist eine der häufigsten Gründe für die Einweisung in ein Pflegeheim. Grundsätzlich sind Frauen wesentlich häufiger von Inkontinenz betroffen als Männer, auch im Senioren- und Greisenalter, die Ursache für dafür ist in der Vulnerabilität des weiblichen Schließmuskelsystems zu suchen.

Stärke der Inkontinenz

Die Einteilung der Inkontinenz in Schweregrade ist im Zusammenhang mit der Versorgung der Betroffenen mit Windelnoder anderen saugenden Produkten wichtig. Vielfach findet sich heute noch eine Einteilung der Schweregrade, die sich nach der durchschnittlichen Menge des Urinabgangs in der Stunde richtet. Problematisch an dieser Einteilung ist jedoch gerade, dass hier nur ein stündlicher Durchschnittswert berücksichtigt wird. Je nach Ursache der Inkontinenz kann aber der Urinabgang mal tröpfchenweise über einen langen Zeitraum erfolgen, oder aber auch schwallartig und plötzlich in großen Mengen. Deshalb ist die Gesamtsaugkapazität der verwendeten Materialien sehr wichtig. Der Urin muss vollständig aufgesogen und fern von der Haut sicher eingeschlossen werden. Nur so kann die Haut geschützt und die Lebensqualität der Betroffenen verbessert werden.

Häufig sind auch Menschen von Inkontinenz betroffen, die sich nicht mehr selbst versorgen können. Die verwendeten Hilfsmittel müssen deshalb so beschaffen sein, dass auch bei einer Vollzeitpflege in dem heute üblichen 4-stündigen Versorgungsrhythmus eine vollständige Sicherheit gegeben ist. Nach diesen Anforderungen ist die Harninkontinenz wie folgt in Schweregrade eingeteilt:

Einteilung Urinverlust / Ausscheidung Produktkapazität* Saugvolumen / 4 Stunden
Tröpfelinkontinenz unter 50 ml unter 150 ml 50 ml
Grad 1 50 - 100 ml 150 - 300 ml 300 ml
Grad 2 100 - 250 ml 300 - 750 ml 750 - 1000 ml
Grad 3 über 250 ml über 1000 ml über 1500 ml
* nach Testverfahren der durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen anerkannten Testinstitute HyTec/IPI

Einteilung der Inkontinenzarten durch die ICS

Schon im Jahre 1976 haben sich Ärzte in der ICS (International Continence Society) gemeinsam auf eine Unterteilung der Harninkontinenz in 5 Hauptgruppen geeinigt. Im Einzelnen sind das:

1. Stressinkontinenz (Belastungsinkontinenz) 1.?3. Grades
2. Dranginkontinenz (Urgeinkontinenz)
a. motorische Dranginkontinenz
b. sensorische Dranginkontinenz
3. Überlaufinkontinenz
4. Reflexinkontinenz
5. Extraurethrale Inkontinenz

Diese Einteilung bezieht sich ausschließlich auf die Symptomatik, erst in den letzten Jahren wird Inkontinenz auch als eigenständige Krankheit angesehen. Oft finden sich Kombinationen wie zum Beispiel eine Mischung aus Drang und Stressinkontinenz. Eine Sonderform der Dranginkontinenz ist die Giggle-Inkontinenz (Enuresis risoria). Diese Inkontinenzform ist sehr selten und wurde bis jetzt nur bei Kindern beobachtet.

Mittlerweile weiß die Medizin viel über die Abläufe und Steuerung der Speicherung und Ausscheidung von Harn und Stuhl. Mit diesem Wissen lässt sich jedoch auch erkennen wie schnell die filigrane Zusammenarbeit zwischen reflektorischen und willentlich steuerbaren Abläufen aus dem Gleichgewicht geraten kann.


Stressinkontinenz (Belastungsinkontinenz)

Die häufig verwendete Bezeichnung Stressinkontinenz bezieht sich auf das englische Wort Stress, das allgemein für Belastung ? auch körperlicher Art ? steht und nicht wie im Deutschen nur einen außergewöhnlichen psychischen Druck bezeichnet. Da der Begriff leicht zu Missverständnissen führen kann, wurde er in den letzten Jahren durch den präziseren Ausdruck Belastungsinkontinenz ersetzt. Bei einer Belastungsinkontinenz löst der erhöhte Bauchinnendruck durch körperliche Belastung, Pressen aus den verschiedensten Gründen wie z.B. Heben, Tragen, Treppensteigen, Lachen, Husten, Niesen den mehr oder weniger ausgeprägten Harnverlust aus. Es werden drei Schweregrade unterschieden:

1. Grad: Inkontinenz beim Husten, Niesen
2. Grad: Inkontinenz bei abrupten Körperbewegungen, beim Aufstehen, Hinsetzen
3. Grad: Inkontinenz bei unangestrengten Bewegungen, im Liegen

Die Stressinkontinenz ist bei Frauen oft Folge mehrfacher Spontangeburten, die zu einer Überdehnung und Erschlaffung von Haltebändern und Beckenbodenführen. Daraus resultiert eine Senkung (Descensus) der Organe des kleinen Beckens. So kann bei erhöhtem Bauchinnendruck dieser Druck nicht mehr als Verschlussdruck die Harnröhre erreichen, wohl aber noch in voller Stärke die Harnblase. Beim Mann dagegen ist diese Form der Inkontinenz meist Folge einer traumatischenSchädigung des äußeren Blasenschließmuskels durch Operationen oder Unfälle.

Diagnostik

Die allgemeine Anamnese der Belastungsinkontinenz beginnt im allgemeinen mit dem Befragen des Patienten, um schon einmal grobe Anhaltspunkte zu bekommen. Auf die Fragen des Arztes sollte der Patient so genau wie möglich Antworten. Das erspart ihnen unter Umständen lästige und unangenehme Untersuchungen. Für eine genaue Diagnostik der Belastungsinkontinenz empfiehlt sich die folgende Vorgehensweise, um aussagefähige Ergebnisse zu bekommen:

Unbedingt notwendige Untersuchungen:
  • Anamnese
  • körperliche Untersuchung, besonders der Genital- und Analregion,
  • Miktionsprotokollüber mindestens 2 Tage
  • Blutuntersuchung
  • Urinsediment / Urinkultur
  • Sonografiedes unteren Harntrakts
  • digitale rektale Untersuchung
  • Windeltest (Pad-Test)
Nützliche Untersuchungen zur genauen Bestimmung der Inkontinenzform:
  • Ausscheidungsurografie
  • Urethrozystoskopieund Zystoskopie
  • urodynamische Untersuchung
  • Computertomographie mit Kontrastmittelgabe

Behandlung

Die Chance auch eine ausgeprägte Form der Belastungsinkontinenz auf Grund einer Muskel- bzw. Gewebeschwäche zu therapieren ist mit manuellen Methoden wie Beckenbodentraining bis hin zum chirurgischen Eingriff wie der TVT gut bis sehr gut einzuschätzen. In vielen Fällen ist auch eine Heilung möglich. Liegt dagegen eine Schließmuskelschwächeauf Grund neurogener und organischer Schäden des Sphinkters selbst vor, dann lassen diese sich jedoch nur schwer behandeln. Folgende Behandlungsmöglichkeiten stehen bei Belastungsinkontinenz zur Verfügung:

konservative Behandlung:
  • Beckenbodentraining
  • Biofeedbacktraining
  • Elektrostimulation
  • Pessare
  • Scheidengewichte
  • Behandlung mit Medikamenten wie Duloxetinund Östrogenen
operative Behandlung:
  • TVT - "Tension-free Vaginal Tape"
  • Implacement-Therapie
  • Der künstliche Schließmuskel

Dranginkontinenz

Der nicht unterdrückbare imperative Harndrang führt zum Urinverlust, bevor die Toilette erreicht ist. Dies kann verschiedene Ursachen haben:

  • Sensorische Dranginkontinenz: Hier ist die Wahrnehmung der Blasenfüllung im Sinne eines vorzeitigen Füllungsgefühls, etwa durch eine Entzündung, durch Blasensteineoder Obstruktionder ableitenden Harnwege, gestört.
  • Motorische Dranginkontinenz: Hier sind die efferenten Nervenimpulsezum Musculus detrusor(der für die Entleerung zuständigen Harnblasenmuskulatur) enthemmt, was zu einer vorzeitigen, manchmal krampfartigen Detrusor-Kontraktion führt.
  • Giggle-Inkontinenz (Enuresis risoria): Die Giggle-Inkontinenz oder auch Kicher-Inkontinenz genannt, stellt eine Sonderform der Dranginkontinenz dar. Dabei tritt unkontrollierter Urinverlust bei kräftigem Lachen auf, das aber klinisch nur schwer festzustellen ist. Diese doch recht seltene Form der Dranginkontinenz wird überwiegend bei Mädchen beobachtet, bei Jungen oder gar bei Erwachsenen ist diese Inkontinenzform bis jetzt so gut wie nie beobachtet worden. Die Ursache ist ein Defizit der zentralnervösen Hemmung auf den Miktionsreflex.

Die Dranginkontinenz kann Folge von Entzündungen der unteren Harnwege (Harnblase, Harnröhre), von obstruktiven (einengenden) Veränderungen wie z.B. Harnröhrenstrikturen, gut- bzw. bösartigen Prostata-Vergrößerungen oder auch von neurologischen Störungen wie z.B. Demenzerkrankungensein.

Diagnostik

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Behandlung

Die Therapie ist teils kausal (siehe oben), also die Ursache beseitigend, teils symptomatisch, lediglich die Beschwerden lindernd.

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Mischinkontinenz

Vor allem bei Frauen treten in einigen Fällen die typischen Symptome von Belastungs- und Dranginkontinenz gemeinsam auf. Die Patienten verlieren dabei unwillkürlich Urinbeim Husten, Niesen, Lachen oder Heben von Gegenständen. Dabei leiden sie gleichzeitig unter einem häufigen, kaum unterdrückbaren Harndrang. Meistens ist bei der Mischinkontinenz eine der beiden Formen besonders stark ausgeprägt. In 37 Prozent der Fälle dominiert dabei die Belastungsinkontinenz. Die Mischinkontinenz ist bei Frauen mit 29 Prozent die zweithäufigste Form einer Harninkontinenz. Sie macht sie häufig zu Beginn nur in Form einer Reizblasebemerkbar, bei der nur wenige Tropfen Urin verloren werden.

Überlaufinkontinenz

Die Überlaufinkontinenz (auch: Inkontinenz bei chronischer Retention) entsteht durch eine ständig übervolle Harnblase infolge von Abflussstörungen. Da der Binnendruck schließlich den obstruktiven Verschlussdruck übertrifft kommt es zum ständigen Harnträufeln.

Ursache der Überlaufinkontinenz ist meist die gutartige Prostatavergrößerung, seltener hochgradige Verengungen (Strikturen) der Harnröhre. Aber auch neurologische Erkrankungen mit einer Erschlaffung des Musculus detrusor, wie sie im Rahmen einer Polyneuropathiebei chronisch schlecht eingestelltem Diabetes mellitusoder als Folge einer lower motor neuron- Läsion (LMNL, siehe bei Reflexinkontinenz) auftreten kann, können zur "Überlaufblase" führen.

Sehr häufig kommt es im Gefolge einer Überlaufblase zu einem Rückstau des Urins in die Harnleiterund die Nieren mit der Gefahr einer zunehmenden Niereninsuffizienz (Funktionsverlust der Nieren) bis hin zur Urämie(Harnvergiftung).

Diagnostik

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Behandlung

Die Therapie besteht wenn möglich in einer Ursachenbeseitigung (Prostata, Harnröhre), bei irreversiblen Veränderungen durch Einsatz von Dauerkatheter. Die Überlaufinkontinenz bei männlichen Patienten macht häufig eine vorübergehende Ableitung des Urins über einen dünnen Kunststoffschlauch (Katheter) notwendig. Dieser Katheter kann über die Harnröhre oder die Bauchdecke den Urin ableiten. Die sich anschließende Operation der vergrößerten Prostatabeseitigt die Ursache des Abflusshindernisses und damit die Überlaufinkontinenz.

Harnsteine, Harnröhrenverengungen, Tumore und angeborene Fehlbildungen müssen ebenfalls Operativ behoben werden.

Reflexinkontinenz

Die Reflexinkontinenz entsteht durch eine Störung oder Zerstörung der vom Gehirnausgehenden Hemmungsbahnen und damit zu einem Überwiegen der Aktivitätsimpulse des Reflexbogenszwischen Harnblaseund Blasenzentrum im Kreuzteil des Rückenmarks(S2 - 4). Diese führen zu reflexartigen Detrusor-Kontraktionen mit Harnabgang.

Ein solcher Zustand tritt beispielsweise etwa nach einer Querschnittslähmungoberhalb des Blasenzentrums aus (UMNL, upper motor neuronlesion). Degenerative zentralnervöse Veränderungen, etwa bei Demenzkranken können den gleichen Effekt zeigen. Bei der LMNL (lower motor neuronlesion) tritt dagegen eine schlaffe, völlig denervierte Blase mit Überlaufinkontinenz auf.

Diagnostik

Bei der Reflexinkontinenz kommt es aufgrund einer neurologischen Erkrankung, Verletzung oder Nervenschädigung zur Inkontinenz, deshalb setzt die Diagnostik hier auch anders an als bei den restlichen Inkontinenzformen. Der neurologische Status und die Video-Urodynamik sind wichtige Aspekte der Diagnostik einer Reflexinkontinenz. Weitere Diagnostik wie ein Kernspin-Tomogramm oder MRT der unteren Wirbelsäule gehören zum erweiterten Diagnosespektrum.

Ultraschalluntersuchungenwerden vor allem zur Verhinderung von Folgeerkrankungen eingesetzt, der Schutz der Nieren steht hier an erster Stelle.

Behandlung

Die Therapie erfolgt vorzugsweise medikamentös. Vorlagen und Windelnfinden ebenfalls Einsatz.

Der intermittierende Selbstkatheterismus(ISK)

Der ISK ist eine der besten und komplikationslosesten Blasenentleerungsmöglichkeiten. Leider ist diese Möglichkeit vielen noch nicht bekannt und wird häufig nur bei neurologischen Patienten angewendet, die diese Technik in Kliniken und Rehaeinrichtungen erlernen. Über das Einführen eines dünnen Kunststoffschlauchs durch die Harnröhre in die Blase, kann diese entleert werden. Der Selbstkatheterismus kann in der Regel von Menschen mit Blasenentleerungsstörungen selbstständig durchgeführt werden. Der Vorteil liegt in der Kontinenz, die zwischen den Kathetern meist liegt, und der größeren Unabhängigkeit von Hilfspersonen, weil das Wechseln von Inkontinenzhilfsmittel entfällt oder deutlich weniger nötig ist.

[...]

Extraurethrale Inkontinenz

Bei einer extraurethralen Inkontinenz erfolgt der Harnabgang aus Öffnungen, die den normalen Wege des Harntraktesumgehen. Mögliche Ursachen sind ein ektopmündender Harnleiter (Urethra) beim Mädchen meist in Kombination mit einer Doppelnierenanlage. Ist die ektop mündende Nieren-Harnleiter-Einheit mit einer dysplastischen, schlecht funktionierenden Nierenanlage kombiniert, kann die Diagnostikinfolge irreführender Symptomatik wie z.B. intermittierender Fluor vaginalis, Trockenphasen bei geringer Flüssigkeitszufuhr oder an heißen Tagen langwierig und schwierig sein. Andererseits kann es sich um Fehlbildungen des Sinus urogenitalismit Sphinkterbeteiligung bzw. um einen Epispadie-/Exstrophie-Komplex handeln.

Eine extraurethrale Inkontinenz kann sich bei Erwachsenen durch die Bildung von Urinfisteln entwickeln. Sehr häufig sind Frauen betroffen, bei denen sich eine Fistelbildet zwischen den ableitenden Harnwegen und den Geschlechtsorganen. Ursache für die Fistelbildung sind Operationen, Geburten, Bestrahlungen, Verletzungen oder primäre Blasenerkrankungen. Da der Schließmuskelbei der extraurethralen Inkontinenz umgangen wird, geht bei dieser Form der Inkontinenz ständig und gleich bleibend stark Urinüber die Fistel ab.

Diagnostik

Für die Diagnostik einer extraurethralen Inkontinenz empfiehlt sich je nach Ursache folgende Vorgehensweise um aussagefähige Ergebnisse zu bekommen:

Unbedingt notwendige Untersuchungen:
  • Anamnese(permanenter Urinabgang)
  • körperliche Untersuchung, besonders der Genital- und Analregion,
  • Miktionsprotokollüber mindestens 2 Tage
  • Urinsediment/ Urinkultur
  • Sonografiedes oberen und unteren Harntrakts
  • Windeltests
  • Ausscheidungsurografie
  • Urethrozystoskopie
Nützliche Untersuchungen bei Verdacht auf ektop mündendem Harnleiter:
  • Vaginoskopie
  • Miktionszystourethrografie
  • retrograde Pyelografie
  • Computertomographie mit Kontrastmittelgabe
  • MRTUrografie / MRT Angiografie
Nützliche Untersuchungen bei kombinierten Fehlbildungen des Harn- und Darmtraktes:
  • Vaginoskopie(Sinusskopie)
  • Rektoskopie
  • Computertomographiemit Kontrastmittelgabe
  • Colon-Kontrasteinlauf
  • Laparoskopie

Behandlung

In den meisten Fällen kann ein chirurgischer Eingriff diese Fehlbildung schon frühzeitig beheben wenn ein funktionstüchtiger Schließmuskel vorhanden ist. Andernfalls muss dieser zusätzlich nachgebildet oder durch ein Implantatergänzt werden, wobei eine Entleerung damit nur manuell ermöglicht wird. In einigen Fällen kann die Anlage eines Stomassinnvoll sein, um einer lebenslangen Harninkontinenz vorzubeugen.

Psychologische und soziale Bedeutung der Inkontinenz

Da die Sauberkeitserziehung einen hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft hat, führt Inkontinenz häufig zur sozialen Isolation. Zumal viele Inkontinenzkranke aus Scham sogar die Konsultation eines Arztes (Urologe, Gynäkologe) scheuen. Aus diesem Grund muss von einer hohen Dunkelziffer der Inkontinenzbetroffenen ausgegangen werden.

[...]

Inkontinenzversorgung

Die Behandlung der Inkontinenz richtet sich nach der diese Symptomatik auslösenden Grunderkrankung. Je nach Ursache kann die Behandlung auf medikamentösen, operativen oder therapeutischen (z.B. Beckenbodentraining bei Frauen) Weg erfolgen. Aber auch ein Toilettentraining zusammen mit geeigneten Inkontinenzhilfsmitteln kann besonders bei älteren Patienten manchmal hilfreich sein.

Toilettentraining

Beim Toilettentraining geht es u.a. darum, den optimalen Zeitpunkt für die Blasenentleerung zu finden. Aber auch das Gefühl für die Blase zurück zu erlangen, ist eine Aufgabe des Toilettentrainings. Es ist eine wirksame Maßnahme, insbesondere bei älteren Menschen, welche die Kontrolle über ihre Ausscheidungen verloren haben. Durch ein konsequent durchgeführtes Toilettentraining stellen sich häufig schon sehr bald Erfolge ein. Das Toilettentraining setzt sich aus den drei Hauptstrategien dem Miktionstraining, dem Blasentraining und dem Verhaltenstraining zusammen. Um das Toilettentraining auch Erfolgreich durchführen zu können, ist es Wichtig, den Patienten zu motivieren und dem Erfolg eine gewisse Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

Das Toilettentraining hat aber nicht viel mit der Sauberkeitserziehung wie sie bei Kleinkindern durchgeführt wird, zu tun. Die Sauberkeitserziehung hat zum Ziel, die Kleinkinder von den Windeln los zu bekommen. Dabei lernt das Kind, seine Blase und seinen Darm bewusst zu kontrollieren und auf den Harn- sowie Stuhldrang entsprechend zu reagieren. Wann die Kinder "sauber" werden, das hängt von ihrem jeweiligen Entwicklungsstand ab. In der Regel ist aber die Sauberkeitserziehung mit dem fünften Lebensjahr des Kindes abgeschlossen und sie sind zuverlässig trocken.

Inkontinenzhilfsmittel

Bereits während der Diagnostik und Behandlung sollten die betroffenen Personen mit aufsaugenden oder ableitenden Inkontinenzhilfsmitteln versorgt werden, dabei kommt der Auswahl des geeigneten Inkontinenzhilfsmittels eine besondere Bedeutung zu. Besonders Wichtig ist die Versorgung mit passenden Hilfsmitteln bei Patienten, die keine Aussicht auf Besserung oder Heilung ihrer Inkontinenz haben.

Kriterien für die Auswahl der Inkontinenzhilfsmittel:
  • Wie viel Sicherheit soll gegeben werden?
  • Welche Inkontinenzart (Harn- und/oder Stuhlinkontinenz) liegt vor?
  • Welche Menge und welche Beschaffenheit hat die Ausscheidung?
  • Wann tritt die Inkontinenz auf (z.B. nur in der Nacht)?
  • Wie ist die Mobilität des Betroffenen?
  • Ist der Betroffene aufgrund seiner geistigen und körperlichen Verfassung in der Lage, die Inkontinenzversorgung selbst vorzunehmen?
  • Wie ist die Hautbeschaffenheit des Betroffenen?
Anforderungen an die Inkontinenzversorgung:
  • Möglichst dicht gegen Ausscheidungen und Gerüche
  • Geräuscharmes und optisch unauffälliges Hilfsmittel
  • Hautfreundliches Material
  • Ausscheidungen sicher aufnehmen
  • Möglichst die Selbstständigkeit des Betroffenen erhalten (einfache Handhabung)
Aufsaugende Inkontinenzhilfsmittel:
  • Vorlagen
  • Einlagen
  • Tropfenfänger (Penistaschen) für Männer
  • Pants, Pullons, Trainers
  • Windeln(z.B. Höschenwindeln)
Ableitende Inkontinenzhilfsmittel:
  • Kondomurinalemit Auffangbeutel (Urinbeutel) für Männer
  • Klebebeutel für Männer und Frauen
  • Blasenkathetermit Auffangbeutel

Siehe auch

  • Nervus pudendus

Weblinks

  • Deutsche Kontinenz-Gesellschaft
  • www.inkontinenz-selbsthilfe.de- Selbsthilfeportal von Betroffenen zum Thema Inkontinenz
  • Selbsthilfeverband Inkontinenz e.V.- Große Selbsthilfeseite von Betroffenen für Betroffene
  • Inkontinenz: Special rund um die schwache Blase- NetDoktor.de
  • Harninkontinenz - Patienteninfo von NetDoktor.at
  • Umfassende Informationen über Harninkontinenz
  • Informationen zur Inkontinenz und Tipps für das Beckenbodentraining
  • www.wissenschaft.de: Bei einer Östrogentherapie steigt das Risiko für Harninkontinenz



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