| |
Bild:Michelangelo Caravaggio 065.jpg Caravaggios"Narziss"
Narzissmus ist eine Charaktereigenschaft, die sich durch ein geringes Selbstwertgefühlbei gleichzeitig übertriebenem Gefühl der eigenen Wichtigkeit und großem Wunsch nach Bewunderung auszeichnet.
Inhaltsverzeichnis
- 1 Überblick
- 2 Psychiatrie / Psychologie
- 3 Der "moderne" Narzissmus
- 4 Klassifikation der narzisstischen Persönlichkeitsstörung (NPS) nach ICD und DSM
- 5 Literatur
- 6 Siehe auch
- 7 Weblinks
|
Überblick
Narzissmus ist ein geschichtetes Deutungsmuster, das auf vielfältige miteinander verbundene Erscheinungen verweist. Diese Erscheinungen sind zugleich auf unterschiedlichen Ebenen für alle Betroffenen wirksam, wenn auch in unterschiedlichem Maße. Sie werden jedoch nicht immer bewusst wahrgenommen und selten miteinander in Beziehung gesetzt.
Auf der mythologischenEbene ist Narzissein Knabe, der sich in sein Spiegelbildverliebt. Da er das Spiegelbild nicht fassen kann, verzweifelt er an der Suche nach Identität. Es ist der Mythosder Identitätssuche. Wer weiß schon, wer er "wirklich" ist.
Im Alltagsverständnis ist ein Narzisst ein Mensch, der oder die sich mehr auf sich selbst bezieht und dabei andere (Mensch, Natur usw.) vernachlässigt. Bedingt also ein Egoist.
Manche Menschen haben in ihrer frühkindlichen Entwicklung weniger Liebe von Bezugspersonen als andere erhalten, sie leiden oft lebenslang darunter und geben ihre Reaktionen auf ihre Entbehrungen an andere weiter. Sie reagieren mit Verhaltensweisen, die von der Psychologie als narzisstische Charakterstörungeneingeordnet werden.
Gelegentlich haben Menschen in ihrer frühkindlichen Entwicklung auf ihre Umgebung so reagiert, dass sie sich ein ?gesundes Selbstwertgefühl? haben bewahren können. Diese Menschen ruhen in sich selbst, haben Kontakt zum Sein und sind liebevoll zu anderen.
Auf der kulturellen Ebene werden in der narzisstischen Gesellschaft Werte des Eigennutzpropagiert unter Vernachlässigung von Werten des Gemeinnutzes. Das macht ein Anpassen an diese Werte (z.B. Geiz ist geil) einfach. Die in dieser narzisstischen Kultur lebenden Menschen brauchen eine willentliche Entscheidung oder alternative Vorbilder, um nach Werten zu handeln, die nicht im gesellschaftlichen Mainstream liegen. Sie müssen dann oft auf Privilegien verzichten.
Auf der spirituellen Ebene ist ein Narzisst ein Mensch, der oder die den Kontakt zum Sein verloren hat. Dieser Mensch ist in seiner oder ihrer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur wie in einem Gefängnis eingesperrt. Das Gefängnis wird jedoch oft erst dann offensichtlich, wenn die Sehnsucht nach dem "Sinn des Lebens", nach dem ?eigentlichen? und nach dem ?Glück? nicht verstummen will.
Umgangssprachlich heften dem Wort "Narzissmus" nur negative Bedeutungen an. Alice Millersieht den Begriff hingegen als Eigenschaft, wie sie es unter anderem in Das Drama des Begabten Kindes erläutert. Narzisstisch zu sein ist für sie etwas normales, gesundes und meint jemanden, der seine Interessen verfolgen kann. Eine narzisstische Störung entsteht laut Miller, wenn ein Kind seine eigenen Gefühle und Interessen nicht artikulieren durfte und später dafür ein "Ventil" braucht. Das äußert sich meistens in Depressionoder Gefühlen der Großartigkeit, die aber nur zwei Seiten der selben Medaille darstellen.
Psychiatrie / Psychologie
In der Psychiatrieund der Psychologiefindet der Narzissmus Ausdruck in der so genannten narzisstischen Persönlichkeitsstörung, die aber klar abzugrenzen ist von der allgemeinsprachlichen Verwendung des Begriffs Narzissmus als 'Selbstverliebtheit'.
Narzisstische Personen sind gekennzeichnet durch einen Mangel an Einfühlungsvermögenund Überempfindlichkeit gegenüber Kritik, welches sie mit einem großartigen äußeren Erscheinungsbild zu kompensierenversuchen. Häufig hängt das mit ihrem brüchigen Selbstwertgefühl zusammen. Sie besitzen aber auch einen Blick für das Besondere, können leistungsstark (in Schule, Beruf, Hobby) sein und haben oft gepflegte und statusbewusste Umgangsformen. Neben Prädispositionierungist das Elternhaus ein entscheidender Faktor für narzisstische Persönlichkeiten. Es finden sich überwiegend sehr unempathische, wenig akzeptierende Eltern, die das Kind nicht selten schon früh überfordern. So findet in der kindlichen Erziehung vor allem ein Verhalten Beachtung und Verstärkung, das in gewisser Intoleranz gegenüber anderen die eigenen Fähigkeiten und Wertigkeit betont und diese auch nach außen gut darstellen kann, und zwar ohne dass das tatsächlich gezeigte Verhalten dieser Selbstpräsentation auch nur annähernd entsprechen muss.
Jeder Mensch durchläuft narzisstische Zustände. Nach Sigmund Freudunterscheidet man den primären und sekundären Narzissmus. Beim primären Narzissmus richtet das Kleinkindseine sexuelle Energie (Libido) ganz auf sich selbst. Beim sekundären Narzissmus wird die sexuelle Energie von äußeren Objekten wieder abgezogen und auf sich selbst bezogen (Regression). Dieser Zustand trete vor allem nach enttäuschter Liebeoder Selbstwertkränkungen auf.
Erich Frommbezeichnet Narzissmus als Gegenpol zur Liebeund unterscheidet neben dem Narzissmus des Einzelnen auch den Gruppennarzissmus(siehe Patriotismusbzw. Fanatismus).
Der "moderne" Narzissmus
Heute bezeichnet der Begriff Narzissmus nicht nur eine krankhafte Bezogenheit auf sich selbst, sondern ist auch Ausdruck eines gesunden Selbstwertes. Vor allem die selbstpsychologische Schule (innerhalb der Psychoanalyse) von Heinz Kohuthat diesen Wechsel in der Bewertung des Narzissmus als bedeutendes Modell für die psychische Gesundheit eingeleitet. So bezeichnet der Narzissmus ein System von Libidobesetzungen. Hier werden allerdings nicht Objektewie die eigenen Eltern oder ein Liebespartner libidonös besetzt, sondern eine eigene innerpsychische Instanz. Diese Instanz wird sowohl von Kohut als auch von Kernberg (auf den später eingegangen wird) das Selbstgenannt. Kohut versteht darunter ein von Beginn an vorhandenes psychisches System, welches dem gesamten psychischen Apparat als auch dem Körper ein Gefühl der Einheit und Zusammengehörigkeit verleiht. Die Besetzung mit psychischer/sexueller Energie dieses Selbstes wird von Kohut als Narzissmus angesehen. Diese Besetzung kann pathologische Züge annehmen, wenn die Instanz des Selbst aus verschiedenen Gründen nicht gesund entwickelt ist. Eine große Rolle spielt die hierbei die frühe Beziehung zwischen Kind und Bezugsperson. Wenn die Bezugsperson dem Säugling nicht genügend Einfühlungsvermögen und Bestätigung entgegenbringt, kann es zu einer Fehlentwicklung kommen. So kommt es zu den Erscheinungsformen von pathologischem Narzissmus.
Kernberg sieht den Narzissmus ebenfalls mit dem Selbst verbunden (im Gegensatz zu Freud, der noch kein Selbst kannte, und im Narzissmus die Besetzung des Ichs sah). Für Kernberg ist das Selbst ein Teil des Ichs. Dieses Selbst ist ein Resultat aus den frühen Objektbeziehungen. Kommt es zu Störungen in der miteinander verknüpften Entwicklung von frühen Objektbeziehungen und Selbst, kann dies zu dem beschriebenen pathologischen Narzissmus führen. Auch hier spielt die erste Bezugsperson eine ähnliche Rolle.
Klassifikation der narzisstischen Persönlichkeitsstörung (NPS) nach ICD und DSM
ICD-10
Die narzisstische Persönlichkeitsstörung wird im ICD 10 nur unter der Rubrik "Andere spezifische Persönlichkeitsstörungen (F 60.8)" aufgeführt, jedoch nicht weiter charakterisiert, obwohl sie als Persönlichkeitsdiagnose häufig gebraucht wird.
DSM-IV
Ein tief greifendes Muster von Großartigkeit (in Fantasie oder Verhalten), Bedürfnis nach Bewunderung und Mangel an Empathie. Der Beginn liegt im frühen Erwachsenenalter und zeigt sich in verschiedenen Situationen. Mindestens fünf der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein: </br>
- hat ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit (übertreibt z.B. die eigenen Leistungen und Talente; erwartet, ohne entsprechende Leistungen als überlegen anerkannt zu werden),
- ist stark eingenommen von Fantasie grenzenlosen Erfolgs, Macht, Glanz, Schönheit oder idealer Liebe,
- glaubt von sich "besonders" und einzigartig zu sein und nur von anderen besonderen Personen (oder Institutionen) verstanden werden oder nur mit diesen verkehren zu können,
- verlangt nach übermäßiger Bewunderung,
- legt ein Anspruchdenken an den Tag, d.h. übertriebenen Erwartungen an eine besonders bevorzugte Behandlung oder automatisches Eingehen auf die eigenen Erwartungen,
- ist in zwischenmenschlichen Beziehungen ausbeuterisch, d.h. zieht Nutzen aus anderen, um eigene Ziele zu erreichen,
- zeigt ein Mangel an Empathie: ist nicht willens, die eigenen Gefühle oder Bedürfnisse anderer zu erkennen oder sich mit ihnen zu identifizieren,
- ist häufig neidisch auf andere oder glaubt, andere seien neidisch auf ihn/sie,
- zeigt arrogante, überhebliche Verhaltensweisen oder Handlungen.
Literatur
- Otto F. Kernberg, Hans-Peter Hartmann: Narzissmus Grundlagen - Störungsbilder - Therapie, 2005, ISBN 3794522419
- Hans-Jürgen Wirth: Narzissmus und Macht August 2002, ISBN 3898060446
- Heinz Kohut: Narzißmus, 2002, ISBN 351827757X
- Rainer Sachse: Histrionische und Narzisstische Persönlichkeitsstörungen, April 2002, ISBN 3801714462
- Otto F. Kernberg: Borderline-Störungen und pathologischer Narzißmus, 2000, ISBN 3518280295
- Stephen M. Johnson: Der narzisstische Persönlichkeitsstil, August 2000, ISBN 3926176164
Siehe auch
- Narziss
- Persönlichkeitsstörung
- Dorian-Gray-Syndrom
Weblinks
|
| Wikiquote: {{{2|Narzissmus}}} ? Zitate
|
- Diskussion des Begriffs und seiner Verwendung in der Psychoanalyse
- Weitere Informationen im Forum für und über narzisstische Persönlichkeitsstörungen
- Narzissmus, Prof. Dr. med Volker Faust, Psychatrie Heute. Umfassend zu Narzissmus, Persönlichkeitsstörung und Behandlungsmöglichkeitenda:Narcissisme
en:Narcissism
eo:Narcisismo
es:Narcisismo
fi:Narsismi
fr:Narcissisme
he:????????
hu:Nárcizmus
nl:Narcisme
pl:Narcyzm
ru:??????????
sv:Narcissism
tr:Narsisizm
Seitenkategorien: Psychologie| Psychoanalyse
Dieser Artikel basiert auf dem Artikel aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.
|