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Williams-Beuren-Syndrom

Das Williams-Beuren-Syndrom (WBS), auch bekannt unter den Synonymen Williams-Syndrom, Fanconi-Schlesiner-Syndrom, idiopathische Hyperkalzämie oder Elfin-face-Syndrom, ist eine genetisch bedingte Besonderheit, deren Ursache in einem Stückverlust (= Deletion) auf dem Chromosomder Nummer 7 liegt.

Inhaltsverzeichnis

  • 1 Geschichte
  • 2 Ursache
  • 3 Diagnose
  • 4 Symptome
  • 5 Sonstige Merkmale
  • 6 Therapie
  • 7 Literatur
  • 8 Weblinks
  • 9 siehe auch

Geschichte

Das Syndromwurde nach den Ärzten C.J.P. Williams und Alois J. Beuren benannt. Beide waren Fachärzte auf dem Gebiet der Kardiologie. Das WBS ist in der medizinischen Literatur Anfang der 1960er Jahre erstmals ausführlich beschrieben, wobei auch Hinweise vorliegen, dass bereits Dr. John Langdon Haydon Langdon-Down, der u.a. das nach ihm benannte Down-Syndrom(Trisomie 21) 1866und das Prader-Willi-Syndromerstmals unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten beschrieb, eine Beschreibung des WBS vornahm:

Ich habe Kinder mit charakteristischen Wangenknochen, vorstehenden Augen, geschwollenen Lippen und straffer Haut in meiner Fürsorge gehabt. Sie hatten wolliges Haar. (zitiert nach Marga Hogenboom, 2003, Seite 45).

Ursache

Seit 1993ist bekannt, dass die Ursache des WBS eine Veränderung von mindestens 20 Genenauf dem langen Arm des Chromosoms der Nummer 7 ist: Bei 97 von 100 Menschen lässt sich eine Deletion(= Stückverlust) im Bereich q11-q23 nachweisen, was als contiguous-gene-syndrome (= Verlust mehrerer benachbarter Geneauf einem Chromosomenabschnitt) bezeichnet wird. Dies entsteht durch spontane Mutationund wirkt sich dahingehend aus, dass es unter anderem Störungen des Elastin-Gens hervorruft, das für die Bildung von Bindegewebe mitverantwortlich ist. Die Auftretenshäufigkeit des WBS liegt bei etwa 1:10.000 bis 1:20.000.Neuesten Forschungen zur Folge könnte die Häufigkeit auch bei 1:7.500 liegen.

Diagnose

Die Diagnosedes WBS erfolgt durch eine molekularzytogenetische Untersuchung von einigen Millilitern mit Heparinversetzten Vollbluts. Mittels des FisH-Testsmit Elastin-Sonde / Chromosom 7q11.23 spezifischer Sonde kann die betreffenden Genbesonderheit auf dem Chromosom 7 nachgewiesen werden.

Vorgeburtlich (= pränatal) ist die Diagnosestellung theoretisch möglich, wenngleich der entsprechende Test (Analyse von kindlichen Zellen, die meist aus dem Fruchtwassergewonnen werden) nicht routinemäßig angewandt wird, und auch bei Anwendung des Tests nicht routinemäßig nach dieser Besonderheit gesucht wird. Von daher wird ein WBS vorgeburtlich im Rahmen von Pränataldiagnostiknur selten festgestellt.

Generell wird die Diagnose nachgeburtlich (= postnatal) oft erst vergleichsweise spät gestellt, teilweise erst im Kindergarten oder Grundschulalter. Möglicherweise liegt dies daran, dass die Besonderheit und ihre Symptomatik vergleichsweise unbekannt ist, da sie eher selten vorkommt.

Symptome

Mit der Zeit sind verschiedene Merkmale beschrieben worden, die häufig bei Menschen mit WBS auftreten. Nicht alle Menschen weisen alle Merkmale auf beziehungsweise nicht alle Merkmale sind in gleich starker Ausprägung festzustellen:

  • Kognitive Behinderungunterschiedlichen Schweregrades
  • Wachstumsverzögerung (auch schon in der Schwangerschaft/intrauterin, daher meist niedriges Geburtsgewicht)
  • im Säuglingsalter häufig Trinkprobleme und Verstopfung
  • häufig Infektionender oberen Atemwege
  • häufig Mittelohrentzündungen(Otitis media)
  • Hörstörungen
  • Schlafstörungen
  • Essstörungen (verweigert werden häufig feste und/oder körnige Speisen)
  • Hyperkalzämiein den ersten Lebensjahren (= ein zu hoher Kalziumspiegelim Blut, der mit einer Diätbehoben werden kann)
  • ein vergleichsweise kleiner Kopf(Mikrozephalie) und ein etwa 20 % kleineres Gehirnals üblich
  • besondere Gesichtsform(Elfengesicht/Koboldgesicht/funny face)
    • breite Stirn
    • tiefe Nasenwurzel, kugeliger Nasenspitze
    • ausladende Nasenflügeln, nach vorn gerichtete Nasenlöcher (Nares)
    • vorstehende Wangenknochen
    • im Kindesalter Pausbäckchen
    • kleines Kinn
    • volle Lippen
    • langes Philtrum(= Kuhle zwischen Oberlippe und Nase)
    • bei blauen oder grauen Augenist oft eine weißliche, radspeichenähnliche Musterung zu sehen (Iris stellata)
    • Oberlidödeme (schwere Augen)
    • vergleichsweise kurze Lidspalten
    • oft lockiges Haar
    • vergleichsweise weit auseinander liegende, kleine erste Zähne (Mäusezähne, verursacht durch Zahnschmelzhypoplasie)
    • überempfindliche Zähne, Neigung zu Zahnfäule (Karies)
    • tiefe, heisere Stimme
  • häufig offenstehender Munddurch eine Vorverlagerung der Zunge
  • schmaler, länglicher Brustkorb mit hängenden Schultern und verlängertem Nacken
  • leichter Minderwuchs(etwa 10 cm geringere Körperendgröße als der Bevölkerungsdurchschnitt)
  • einwärts gebogene Großzehe (bei älteren Menschen)
  • Fehlsichtigkeit, häufig Schielen (Strabismus), insbesondere Einwärtsschielen
  • seitliche Verbiegung der Wirbelsäule Skoliose(bei älteren Menschen)
  • altersunabhängiger Bluthochdruck (arterieller Hypertonus) bei 40 % der Betroffenen
  • kardiovaskuläre Veränderungen/Herzfehler(oft supravalvulären Aortenstenose(SVAS)/Verengung der Hauptschlagader unmittelbar am Anschluss an das Herzmit variablem Schweregrad, hypoplastische Aorta/zu schmale Hauptschlagader, Septumfehlbildungen/Löcher in der Herzscheidewand) bei 90 % der Betroffenen
  • primäre Nierenfehlbildungen(besondere Lage der Niere, Verengungen/Stenosenan den Nierengefäßen, unterentwickelte Niere, einseitiges Fehlen einer Niere, Hufeisennieren) bei etwa 18 % der Betroffenen

Sonstige Merkmale

Sehr viele Menschen mit WBS mögen Musik, merken sich Liederund Melodiengerne und haben ein ausgeprägtes Rhythmusgefühl. Dabei sind sie sehr geräuschempfindlich, zum Teil sogar überempfindlich. Viele verfügen über ein absolutes Gehör.

Ihr räumliches Vorstellungsvermögen ist vergleichsweise schlecht (räumlich-visuelle Konstruktionsdefizite), sie haben Konzentrationsschwierigkeiten, erkennen allerdings Gesichter sehr schnell wieder.

Das Lesenfällt ihnen meist recht leicht, viele fangen schon deutlich früher als Regelkinder an zu lesen (Hyperlexie).

Ihre Spracheentwickelt sich gut, sie sprechen in der Regel flüssig, reden gern, extrovertiert und freudig und sind meist sehr sprachgewandt. Dadurch werden ihre kognitiven Fähigkeiten oft überschätzt, was zu einer Überforderung der Kinder führen kann (zum Beispiel im Schulunterricht).

Sie zeigen sich insgesamt gesehen eher ängstlich als optimistisch und machen sich insbesondere auch auf die Zukunft bezogen Sorgen um sich und andere Menschen.

Ein auffälliges Merkmal ist die häufige Distanzlosigkeit gegenüber fremden Menschen: Während Regelkinder übliche Phasen des Fremdelnsdurchleben, sind Kinder mit WBS oft durchgehend offene, kontaktfreudige und gesellige Kinder.

Menschen mit WBS sind lebenslang auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen, können jedoch mit der nötigen Assistenz ein individuelles Maß an Selbständigkeit entwickeln.

Die Lebenserwartung von Menschen mit WBS ist normal, sofern dem nicht medizinische Probleme und organische Fehlbildungenentgegenstehen.

Therapie

Ein WBS ist nicht ursächlich heilbar. Die häufigsten Therapiemethoden, durch die Kinder mit WBS in ihrer Entwicklung gut gefördert werden können, sind heilpädagogische Frühförderung, Krankengymnastikund Ergotherapie. Besonders die musikalische Begabung und die Sprachgewandtheit sollten gefördert werden.

Wichtig sind regelmäßige Blutdruckkontrollen(auch schon im Kindesalter), eine gründliche Zahnpflege sowie die Kontrolle des Gehörs und gegebenefalls des Schielens.

Ein besonderes Augenmerk muss sowohl auf den Kalziumgehalt des Blutes und eine eventuell nötige Diätgelegt werden, als auch auf innerorganische Besonderheiten im Bereich des Herzens und der Nieren. Gegebenenfalls sind in diesem Bereich Korrekturoperationen notwendig.

Im höheren Alter ist die Behandlung einer eventuell auftretenden Skoliosewichtig.

Literatur

  • Barbara Scheiber: Träume verwirklichen. Ein Handbuch für Eltern von Kindern mit Williams-Beuren-Syndrom'
  • WBS Regionalgruppe Bayern-Süd (Hrsg): Das William-Beuren-Syndrom. Eine Einführung (1999)
  • WBS Regionalgruppe Bayern-Süd (Hrsg.): Das William-Beuren-Syndrom. Eine Orientierungshilfe für Pädagogen (2000)
  • Umschau (Zeitschrift des Bundesverbandes Williams-Beuren-Syndrom) Bezugsadresse
  • Marga Hogenboom: Menschen mit geistiger Behinderung besser verstehen - Angeborene Syndrome verständlich erklärt (2003)
  • Klaus Sarimski: Entwicklungspsychologie genetischer Syndrome (2000)
  • Jacquelyn Warren: Ben`s große Entscheidung (Kinder-/Jugendbuch, 2000)
  • Ursula Bellugi & Marie Irene St. George (Hrsg.): Journey from Cognition to Brain to Gene: Perspectives from Williams Syndrome

Weblinks

  • Bundesverband WBS Deutschland
  • WBS-Regionalgruppe Süd
  • WBS-Landesverband Brandenburg
  • WBS-Landesverband NRW
  • WBS-Regionalgruppe Niedersachen-Süd
  • Schweizerische Vereinigung WBS
  • www.wissenschaft.de: Forscher identifizieren Ursache des veränderten Sozialverhaltens bei Menschen mit der Erbkrankheit Williams-Beuren-Syndrom
  • Erfahrungsbericht Loreen, *1999

siehe auch

  • Liste der Syndrome
  • Pränataldiagnostik
  • FisH-Test
  • Chromosom
  • Genetik



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