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Wahnsinn

Bild:Angelo Bronzino 003.jpg
Agnolo Bronzino, Allegorie der Liebe(1540/45), Detail

Als Wahnsinn (oder Verrücktheit) wurden in der Geschichte des Abendlandesbis zum Ende des 19. Jahrhunderts bestimmte Verhaltens- oder Denkmusterbezeichnet, die nicht der akzeptierten sozialen Normentsprachen. Dabei bestimmten stets gesellschaftliche Konventionen, was jeweils genau als ?Wahnsinn? verstanden wurde: Der Begriff konnte dabei für bloße Abweichungen von den Konventionen (vgl. lat. delirare aus de lira ire, ursprünglich landwirtschaftlich ?von der geraden Furche abweichen, aus der Spur geraten?), für geistige Störungen, bei denen ein Menschbei vergleichsweise normaler Verstandesfunktionan krankhaften Einbildungenlitt, bis hin zur Kennzeichnung völlig bizarrer und (selbst-)zerstörerischer Handlungen verwendet werden. Auch Krankheitssymptome, wie etwa die von Epilepsieoder einem Schädel-Hirn-Trauma, wurden zeitweilig als Wahnsinn bezeichnet.

Da der Begriff des ?Wahnsinns? in Europa historisch zum einen in unterschiedlichen Kontexten mit unterschiedlichen Bedeutungen verwendet wurde, er zum anderen rückblickend auf verschiedene Phänomene angewendet wird, ist er ein medizin- und kulturgeschichtlichnur schwer eingrenzbares, kaum zu definierendes und zum Teil widersprüchliches Phänomen. Welche Normabweichungen noch als ?Verschrobenheit? akzeptiert wurden und welche bereits als ?verrückt? galten, konnte sich abhängig von Region, Zeit und sozialen Gegebenheiten erheblich unterscheiden. Daher lassen sich moderne Krankheitskriterienund -bezeichnungen in der Regel nicht auf die historischen Ausprägungen von Wahnsinn anwenden.

Inhaltsverzeichnis

  • 1 Wortgeschichte
  • 2 Zeichen des Wahnsinns ? ?Symptome?
    • 2.1 Bildliche Darstellungen
    • 2.2 Literarische Beschreibungen
  • 3 Formen
    • 3.1 ?Nützlicher Wahnsinn?
    • 3.2 Unvernunft
    • 3.3 Melancholie
    • 3.4 Manie und Hysterie
    • 3.5 Sonstige Formen
  • 4 Ursachenzuschreibungen
    • 4.1 Übernatürliche Erklärungsmodelle
      • 4.1.1 Magisch-heidnische Vorstellungen
      • 4.1.2 Christlich-religiöse Vorstellungen
    • 4.2 Natürliche Erklärungsmodelle
      • 4.2.1 Geistig-moralische Defekte
      • 4.2.2 Körperliche Ursachen
      • 4.2.3 Seelische Störungen
  • 5 Diagnostik
  • 6 Therapien
    • 6.1 Magische Therapie
    • 6.2 Chirurgische Therapie
    • 6.3 Verwahrung und Zucht
    • 6.4 Keine Therapie
    • 6.5 Psycho-Therapie
  • 7 Wahnsinn in Kunst und Literatur
    • 7.1 Beispiele aus der bildenden Kunst
    • 7.2 Beispiele aus der Literatur
  • 8 Siehe auch
  • 9 Literatur
  • 10 Weblinks

Wortgeschichte

Das Wort ?Wahnsinn? ist eine Rückbildung des 18. Jahrhundertsaus dem Adjektiv?wahnsinnig?, das schon im 15. Jahrhundertnachweisbar ist. Vorbild war das Wort ?wahnwitzig?, welches auf das althochdeutschewanwizzi zurückgeht. Dabei meint das althochdeutsche wan (ie.*(e)u?-no ?leer?) ursprünglich ?leer, mangelhaft? (vgl. engl.waning). ?Wahnwitz? bzw. ?Wahnsinn? bedeuteten also in etwa ?ohne Sinn und Verstand?. Dadurch, dass wan und Wahn (ahd. wân ?Hoffnung, Erwartung?) sprachgeschichtlichzusammengefallen sind, haben sich die Bedeutungengegenseitig beeinflusst: ?Wahn? wurde zur falschen, eingebildeten Hoffnung, der alte Wortbestandteil wan wird heute als das etymologischnicht verwandte ?Wahn? wahrgenommen.

Das Althochdeutsche kennt drei Substantive, die markante Zustände der Verstandestrübung und des Wahnsinns beschreiben: sinnel?s?, tobunga und unsinnig?. Diesen Begriffen ist eventuell noch das pathologische uuotnissa zur Seite zu stellen, es übersetzt das lateinische dementia. Die Bedeutung von ?Wahnsinn durch Besessenheit? hat unuuizzi. All diese Begriffe tragen ihren Ursprung im Lateinischen(dementia, alienatio und insipienta) und sind nur sehr schwer voneinander abzugrenzen.

Im Mittelhochdeutschengibt es eine ganze Reihe anderer Begriffe, um Wahnsinn(ige) zu bezeichnen; zuerst einmal tôr und narre, aber auch ein großes Wortfeldmit Kompositader Stammsilbesin(n), wie zum Beispiel unsin, unsinheit, unsinne, unsinnec, unsinnecheit, unsinneclîchen und unsinnen. Dazu kommen noch die bereits erwähnten Komposita der Stammsilbe wan wie wanwiz, wanwizze und wanwitzic und Komposita der Stammsilbe toben wie Tobesuht, tobesite, toben, tobesühtig und tobic oder auch töbic. Bei Hartmann von Auefinden sich noch hirnsühte und hirnwüetecheit.

Synonymgebrauchte Begriffe sind ?Verrücktheit? und ?Irrsinn? (?Irre-Sein?). Historisch wurde der Begriff auch in der Fachspracheder Psychopathologieverwendet, bis er im 19. Jahrhundertdurch den Terminus ?Geisteskrankheit? abgelöst wurde. Als Krankheitsbezeichnungwird er in den Wissenschaften heute jedoch nicht mehr gebraucht.

Heute werden die Wörter ?Wahnsinn? und ?wahnsinnig? im allgemeinen Sprachgebrauchneben ihrer alten Bedeutung auch im übertragenen Sinn sowohl in positiver als auch in negativer Weise zur Bezeichnung außergewöhnlicher, extremer Zustände benutzt.


Zeichen des Wahnsinns ? ?Symptome?

Da die Formen des Phänomens ?Wahnsinn? sehr vielfältig sind, können die Interpretationen dessen, was als Symptomedieses Zustands anzusehen sind, sehr unterschiedlich ausfallen. In jedem Fall bewegen sich die Verhaltensweisen und Ausdrucksformen der Wahnsinnigen in bestimmter Weise außerhalb der Norm. Die Betroffenen sind damit aus der Mitte ihrer sozialen Umwelt ? im buchstäblichen Sinne ? verrückt.

Häufig äußert sich Wahnsinn durch einen Kontrollverlust über die Affekte, so dass Gefühleungehemmt gezeigt und ausgelebt werden. Das Verhalten bewegt sich außerhalb der Vernunft, die Folgen des eigenen Tuns für sich und andere werden nicht mehr bedacht. Handlungen können objektiv sinn- und zwecklos sein oder aber rein triebgesteuert. Hinzu kann der Ausfall einzelner kognitiver Fertigkeiten treten. Der Unterschied zwischen der inneren und der äußeren Wirklichkeit wird gegebenenfalls nicht mehr erkannt. Die Wahrnehmung der Realitätist gestört. Beispiele für die daraus resultierenden katastrophalen Folgen finden sich bereits in der antiken Mythologie: Herkulestötet im Wahnsinn seine Kinder, Ajaxmetzelt die Schafherde des Odysseusnieder und stürzt sich ins eigene Schwert, der edonische König Lykurgtrennt sich selbst die Beine ab, Medeaerdolcht ihre Söhne und Melampuskastriert sich mit tödlichem Ausgang selbst.

Die von Außenstehenden wahrnehmbaren konkreten Ausprägungen des Wahnsinns bewegen sich in einem breiten Spannungsfeld zwischen höchst gesteigerter Aktivitätund katatonem Stupor. Bei ersterem Extrem können manischesund agitiertesHandeln bestimmend sein, im anderen Extrem depressivesoder teilnahmslosesDahindämmern. Als oftmals kennzeichnend für die gestörte Kommunikationsfähigkeit der Betroffenen kann auch der Aspekt einer Reduktionder sprachlichen Äußerungen gesehen werden (Kindersprache: repetitive Wiederholung von Satzteilen, Lautmalerei, Reduplikation, Kinderreimeoder -lieder).

Bildliche Darstellungen

Bild:Johann Heinrich Füssli 035.jpg
J. H. Füssli, ?Die wahnsinnige Kate? (1806/07)

Darstellungen des Wahnsinns in Kunstund Literaturkönnen einen Eindruck davon vermitteln, welche symptomatischen Ausprägungen in früheren Zeiten unter ?Wahnsinn? verstanden wurden. Natürlich handelt es sich dabei um Quellen, die mit besonderer Vorsicht verwendet werden müssen. Zwar kann eine Ikonographiedes Wahnsinns nur auf Grundlage eines Fundus der bereits vorhandenen Vorstellungen seiner Erscheinungsformen entstehen. Die konkreten künstlerischen Darstellungen wirken dann allerdings auch wieder auf die Erwartungen des Publikums zurück, das heißt, es ist grundsätzlich eine gegenseitige Bedingtheit stereotyper Modelle zu erwarten. Sowohl das ästhetische, als auch das medizinisch-diagnostische Krankheitsbild sind oftmals Projektionen, die die Realität verzerrt wiedergeben oder aber sogar formen können.

Bild:Raffael Transfiguration Detail.jpg
Raffael, ?Verklärung Christi? (1519/20), Detail

In den bildlichen Darstellungen manifestiert sich der Wahnsinn fallweise durch verzerrte Mimik, unnatürlich verdrehte Körperhaltung, widersprüchliche oder sinnlose Gestik, durch absurde Handlungen, Darstellung von Halluzinationenoder einfach nur unter Zuhilfenahme der Physiognomie.

Das Gesicht ist die bevorzugte Körperregion, die zur Kenntlichmachung des Wahnsinns herangezogen wird. In erster Linie deuten unharmonische, asymmetrische oder verzerrte Gesichtszüge bis hin zu Grimassenund weit aufgerissenen oder verdrehten Augen auf geistige Zustände jenseits der Normalität hin. Der Situation unangemessene Mimik, etwa das Lachen in einer Trauersituation, ist ein besonders starker Hinweis auf vorliegenden Wahnsinn.

Die Gestik der Wahnsinnigen ist häufig widersprüchlich oder undeutbar. Theatralische Verrenkungen und widerstrebende Bewegungsrichtungen verschiedener Körperteilegehören hier ebenso dazu wie ungewöhnliches Ent- oder Angespanntsein der Muskulatur. Als Extreme sind völlig verkrampfte Haltungen oder erschlafftes Zusammengesunkensein möglich. Bei der Darstellung von Frauen kann eine erotisch-unschamhafte Komponente hinzutreten.

Die medizinischen Illustrationendürfen aus den bereits genannten Gründen in ihrem Quellenwert nicht weniger kritisch eingeschätzt werden, als die künstlerischen Gestaltungen.

Literarische Beschreibungen

Eine eindringliche Beschreibung des Wahnsinns findet sich bereits in einem Abschnitt des Iwein von Hartmann von Aue. Der Löwenritter Iwein versäumt eine von seiner Frau gestellte Frist und verliert damit ihre Gunst. Daraufhin flieht er vom Hof, wird tobsüchtig und fristet als unbekleideter Wahnsinniger sein Leben im Wald:

dô wart sîn riuwe alsô grôz
daz im in daz hirne schôz
ein zorn unde ein tobesuht,
er brach sîne site und sîne zuht
und zarte abe sîn gewant,
daz er wart blôz sam ein hant.
sus lief er über gevilde
nacket nâch der wilde. (vv. 3231?3238; Quelle: [1])

(Frei übersetzt: Da wurde sein Leid so groß, dass ihn Wahnsinn und Raserei irre machten. Er verlor Anstand und Erziehung, riss sich seine Kleider vom Leib, bis er vollkommen nackt war. In dieser Aufmachung lief er über die Felder in unbewohnte Gegenden.)

Später wird er durch eine Zaubersalbe geheilt und bewältigt seine Identitätskrise, indem er sein bisheriges Leben als Traum einschätzt und sich fortan für einen Bauernhält. Dann wird er bekleidet und zur Burg der Fee Feimorgan geführt, wo er vollständig heilt. Schon früh ist hierin die Beschreibung der Ätiopathogeneseals auch der Symptomatikund der Heilung von Wahnsinn gesehen worden.

In Georg HeymsErzählung Der Irre wird der ganze Schrecken des vollkommenen, sinnlosen Wahnsinns geschildert. Der aus einer Irrenanstalt entlassene Patient beginnt einen unheilvollen Zug durch die umliegende Gegend, wo er auch auf zwei Kinder trifft:

Er holte die Kinder ein und riß das kleine Mädchen aus dem Sande auf. Es sah das verzerrte Gesicht über sich und schrie laut auf. Auch der Junge schrie und wollte fortlaufen. Da bekam er ihn mit der andern Hand zu packen. Er schlug die Köpfe der beiden Kinder gegeneinander. Eins, zwei, drei, eins, zwei, drei, zählte er, und bei drei krachten die beiden kleinen Schädel immer zusammen wie das reine Donnerwetter. Jetzt kam schon das Blut. Das berauschte ihn, machte ihn zu einem Gott. Er mußte singen. Ihm fiel ein Choral ein. Und er sang:
?Ein feste Burg ist unser Gott / [...] Auf Erd ist nicht sein'sgleichen.?
Er akzentuierte die einzelnen Takte laut, und bei jedem ließ er die beiden kleinen Köpfe aufeinanderstoßen, wie ein Musiker, der seine Becken zusammenhaut. Als der Choral zu Ende war, ließ er die beiden zerschmetterten Schädel aus seinen Händen fallen. Er begann wie in einer Verzückung um die beiden Leichen herumzutanzen. Dabei schwang er seine Arme wie ein großer Vogel, und das Blut daran sprang um ihn herum wie ein feuriger Regen. (Quelle: [2])

Eine der eindrücklichsten Schilderungen des Wahnsinn dürfte die GroteskeAufzeichnungen eines Wahnsinnigen von Nikolai Wassiljewitsch Gogolsein. Die detaillierte Darstellung der beständigen Realitätsverneinung und Flucht in eine Traumwelt bei gleichzeitigem körperlichem Verfall, stellt eine sehr eindrucks- und reizvolle künstlerische Gestaltung der Mania dar. Sie beschreibt in der Ich-Perspektivedie Geschichte des Amtsschreibers Poprischtschin, der eines Tages auf zwei sprechende Hunde trifft, die von sich behaupten, in Korrespondenzmiteinander zu stehen. Poprischtschin ist unglücklich in die Tochter seines Chefs verliebt, die für ihn unerreichbar ist, und gibt sich seinen Depressionen hin. Bald kann er die Briefe der Hunde beschlagnahmen und lesen, später erfährt er aus der Zeitung, dass der spanische Thron verwaist ist. Er erkennt sich selbst als den legitimen König von Spanien. In solch hohe Position gehoben tritt er vor die geliebte Sophie und prophezeit ihr, dass sie zusammenfinden werden. Poprischtschin wird in die Irrenanstalteingewiesen, glaubt aber, er sei in Madrid, der Oberarzt aber der spanische Inquisitor.

Formen

Im Lauf der Geschichte sind unzählige Formen des Wahnsinns unterschieden und eine ganze Reihe von Klassifikationssystemen vorgeschlagen worden. Zur historischen Differentialdiagnosegehörten unter anderem dementia, amentia, insania, melancholia, amor, mania, furor, ebrietas, lykanthropia, ekstase, phrenitis, somnium, lethargus, delirium, coma, cataphora, noctambulismus, ignorantia, epilepsia, apoplexia, paralysis, hypochondriasis und somnambulismus. Hier sollen im weiteren nur einige der wichtigsten Formenkreise vorgestellt werden.

?Nützlicher Wahnsinn?

In der Antikekonnten dichterische Inspirationund Sehertum?positive? Formen des Wahnsinns darstellen. Im Altgriechischenist ?????, manía ?die Raserei? verwandt mit dem sehr ähnlichen griechischen ??????, mantis, das ist ?der Seher?, ?der Prophet?. Auch die Ekstasegalt als Wahnsinn, insbesondere die dionysische Raserei.

Platonunterscheidet vier Formen des produktiven Wahnsinns: den mantischen, mystischen, poetischenund erotischenWahnsinn. Wie er im Timaios ausführt, führt der ?göttliche Wahnsinn? zu wahrem Wissen und ist somit positiv konnotiert.

Ähnlich der antiken Auffassung gab es auch im Mittelalter sanktionierten Wahnsinn. Dieser äußerte sich etwa in geistlicher Ekstase, Verzückungen oder Visionen. Zudem konnten Heiligein einen ?guten? Wahnsinn geraten.

Unvernunft

Die in der Neuzeitbestimmende Charakterisierung von Wahnsinn nimmt Immanuel Kantin seiner Anthropologiein pragmatischer Hinsicht (1798) vor. Diese wegweisende Einteilung basiert auf der Dichotomievon Vernunft und Unvernunft. Denjenigen, die er als ?Verrückte? kategorisiert, teilt er die Krankheitsformen ?Wahnsinn?, ?Wahnwitz? und ?Aberwitz? zu. Seine Einschätzung des Wahnsinns als ?methodische Verrückung?, die sich durch ?selbstgemachte Vorstellungen einer falsch dichtenden Einbildungskraft? auszeichnet, wird zur klassischen Definitiondes Wahnsinns im 18. und 19. Jahrhundert. ?Wahnwitz? ist für Kant hingegen eine systematische, wenngleich nur teilweise Störung der Vernunft, die sich als ?positive Unvernunft? äußert, da die Betroffenen andere Vernunftregeln gebrauchen als die Gesunden. Gemein ist allen Formen des Wahnsinns nur der Verlust des Gemeinsinns (sensus communis), der durch einen logischen Eigensinn(sensus privatus) ersetzt wird.

Melancholie

Bild:Melencolia I.jpg
Albrecht Dürer, ?Melencolia I? (1514)

Eine andere Form des ?Wahnsinns? wird zwar schon in der Antike beschrieben, erlangt aber vor allem bei den Gebildeten seit dem Humanismusals ?Modekrankheit? Popularität: die Krankheit der Melancholie. Zwar galt der Konstitutionstypdes Melancholikersim Mittelalter als der am wenigsten erstrebenswerte, da dieser mit dürftigem Körperbau, unattraktivem Erscheinungsbild und unerfreulichen charakterlichen und geistigen Eigenschaften veranlagt war. Doch lag in der Melancholie als Krankheit eine bereits bei Aristotelesund Ciceroangedeutete Möglichkeit der Selbstgenialisierung verborgen, die im Humanismus nun in einem ?Melancholie-Kult? gepflegt wurde. Der kreative Künstler und Denker bewegte sich dieser Vorstellung nach stets zwischen Genie und Wahnsinn. Noch Schellingbezog sich auf diese alte Lehre, wenn er behauptete, dass nur Menschen, die ein wenig wahnsinnig sind, kreativ sein könnten (nullum magnum ingenium sine quadam dementia). Diese Form der Selbststilisierung wurde erst im 19. Jahrhundert allmählich unpopulär.

Manie und Hysterie

Im Gegensatz zur Melancholie stand immer die Mania (Raserei). Diese war als Delirium sine febre cum furore et audacia definiert. In der Abgrenzung zur Melancholie wird hier die größere Wildheit, Aufgeregtheit und Hitzigkeit der Mania betont. Joannes Ferneliusschrieb:

?[Die Mania ?] ist in Gedanken, Worten und Werken dem Wahnwitz der melancholischen ähnlich, doch quält und treibt sie die Kranken mit Jähzorn, Streitsucht, Geschrei, entsetzlichem Aussehen, mit weitaus größerem körperlichem Ungestüm und geistiger Verwirrung umher? (Lit.: Kutzer, S. 92).

Ursprünglich den Frauen vorbehalten war die Hysterie(pnix hysterike), von der man annahm, dass diese durch die weiblichen reproduktiven Anlagen verursacht sei. So sollten etwa durch Lageveränderung der Gebärmutter im Körper der Frau Erstickungsgefühle hervorgerufen werden können, die zu den Ursachen dieser Wahnsinnsart gerechnet wurden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden Frauen oftmals aus diesem Grund von Ärzten verstümmelt (s.u.).

Sonstige Formen

Bild:Paul Richer - Attaque demoniaque.jpg
Paul Richer, ?Attaque demoniaque? (um 1880)

Zum Wahnsinn wurden bisweilen auch nicht-psychische Krankheiten und Defekte gezählt, wie Epilepsie oder Tollwut(Rabies), selbst fiktive Phänomene wie die Lykanthropieoder Tanzwut(die allerdings im Veitstanzihr reales Pendant findet). Auch substanzinduzierte Bewusstseinstörungen wie Rausch- und Vergiftungszustände(Alkohol, Pflanzengifte) konnten unter Wahnsinn subsumiert werden.

Besondere Formen stellen die auf rein organische Ursachen zurückgehenden Dauerzustände wie die ?angeborene Blödsinnigkeit? (amentia congenita) bzw. massive Intelligenzminderung(Stumpf- und Starrsinn: Koma, Lethargie, Katoché, Altersdemenz) dar.

Die Liebeskrankheit(amor hereos, morbus amatoris) ist ein Wahnsinn, der sich bei unerfüllter oder unglücklicher Liebe einstellt. Ein Beispiel führt die anonyme Märe Der Bussard aus dem 14. Jahrhundertvor, in der ein Königssohn seine Braut verliert und sich in krankhaften Liebeskummerhineinsteigert. Seine Verzweiflung wächst mit Weinen und Haareraufen. Dann bricht der Wahnsinn über ihn herein und der Königssohn wird zum Tier. Bis zum Happy End vegetiert er als Waldmensch dahin.

In jenem medizinisch-naturwissenschaftlich bestimmten Denken, welches vom Beginn der Aufklärung an bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts die Geschichte Europas wesentlich mitgeprägt hat, war Gesundheitfür breite Bevölkerungsschichten der Maßstab des Konzeptes von Normalität und umgekehrt. In der Folge wurde in der bürgerlichen Gesellschaft leicht alles, was nicht ?normal? war, als ?krankhaft? betrachtet. Dazu konnte alles gehören, was nicht den kulturellen, gesellschaftlichen, moralischen oder juristischen Vorstellungen der Zeit von akzeptablem Verhalten oder Existenzformen entsprach (z.B. Homosexualität). Diejenigen, die sich nicht konform verhielten oder randständig waren, sollten möglichst ?geheilt? und ?reintegriert? werden. Ein stereotypesIdeal eines ?Gesunden?, d.h. eine Vorstellung davon, was als ?gesund? und ?normal? zu gelten hat, ist dabei aus Gründen der notwendigen Abgrenzung notwendigerweise untergründig immer präsent gewesen. Zugleich konnte dieses Ideal aber auch bewusst zur gezielten Ausgrenzung missbraucht werden (wie in späterer Zeit z.B. auch durch die Psychiatrisierungder Dissidentenin der Sowjetuniongeschehen).

Ursachenzuschreibungen

Der erste, der den Komplex des Wahnsinnsbegriffs behandelte, war Platon. In seinem Dialog Phaidros unterscheidet er zwischen zwei Hauptformen: jenem Wahnsinn, der durch menschliche Krankheit, und jenem, der durch göttliche Gabe verursacht ist. Daran anschließend wird hier nach natürlichen und übernatürlichen Erklärungsversuchen für den Wahnsinn unterschieden.

Übernatürliche Erklärungsmodelle

Magisch-heidnische Vorstellungen

Bei den Babyloniern(ca. 19.bis 6. Jahrhundert v. Chr.) und Sumerern(ca. 2800bis 2400 v. Chr.) galt Wahnsinn als durch Besessenheit, Zauberei, dämonischeBosheit, den Bösen Blickoder durch das Brechen eines Tabusverursacht. Er war Richtspruch und Strafe zugleich.

Auch im antiken Griechenlandging die volkstümlicheAuffassung zumeist von einer ?Besessenheit durch böse Geister? aus. Daneben gab es die Vorstellung, dass Wahnsinn von einer göttlichen Macht geschickt würde. Während die somatischbedingte Krankheit ?Wahnsinn? für die Seele, wie Platon im Timaios ausführt, von Übel ist, führte diesem Konzept nach der göttliche Wahnsinn zu wahrem Wissen und war somit durchaus positiv besetzt. In den antiken Mythenführte er allerdings fast immer zu Selbstzerstörung und zur Tötung Unschuldiger ? meist von Familienmitglieder ?, wenn die Götter den Wahnsinn schickten. Wahnsinn galt dort in der Regel als durch Hybris, Stolz oder Ehrgeiz selbst verschuldet.

Im Mittelalterwurde der ?gewöhnliche? Wahnsinn in der Vorstellung der meisten Menschen vom Teufel verursacht oder durch Hexengebracht. Insbesondere unkontrolliertes Handeln und Sprachensprechen (Glossolalie) wurden als teuflisch (lat. maleficum) angesehen.

Christlich-religiöse Vorstellungen

Bild:William Blake - Nebukadnezar.jpg
William Blake, ?Nebukadnezar? (1795)

Bereits im Alten Testamentist der Wahnsinn eine Strafe, die auf göttliches Eingreifen zurückzuführen ist. So heißt es etwa in Dtn28,28: ?Der Herr schlägt dich mit Wahnsinn, Blindheit und Irresein?. Eine solche Strafe trifft die Figur des Nebukadnezaraus dem Bericht in Dan 4,1?34. Nebukadnezar ist ein überheblicher Tyrann, der die Judenverfolgt. Durch eine himmlische Stimme wird ihm tiefste Erniedrigung angekündigt. Er verfällt dem Wahnsinn und muss sieben Jahre lang wie ein Tier leben und Gras fressen. Diese Gestalt des Nebukadnezar ist die Vorlagefür die mittelalterliche Sichtweise der Ursachen für den Wahnsinn schlechthin. Da er wegen der Erzsünde des Hochmutserniedrigt wurde, lagen Bezüge zwischen Sündeund Wahnsinn nah: Hugo von Sankt Viktorbetonte etwa den pädagogischen Aspekt von Nebukadnezars Wahnsinn. In der Folge wurde im Mittelalter der Wahnsinn häufig auf das Einwirken Gotteszurückgeführt.

Bild:Duc De Berry - Besessener.jpg
Aus einem Stundenbuchdes Grafen von Berry(14. Jahrhundert), Detail: ?Exorzismus?

Wahnsinn wird in der Regel als Besessenheit interpretiert. Der offenkundigste alttestamentliche Fall findet sich bei König Saul(1 Sam9,2?31,13). Saul zieht den Zorn Gottes auf sich, weil er die Amalekiternicht vollständig ausrottet und wird von einem bösen Geist besessen, der ihn mit Wahnsinn und Raserei quält: ?Am folgenden Tag kam über Saul wieder ein böser Gottesgeist, so dass er in seinem Haus in Raserei geriet.? (1 Sam 18,10). Diese Geschichte wurde im Mittelalter immer wieder dahingehend verwendet, die Theorie von Besessenheit durch Dämonen und Teufel ? vor allem während der Inquisition ? zu stützen. Erst Mitte des 17. Jahrhundertsbeginnen niederländische Calvinisten, diese Bibelstelle im Sinne der Beschreibung einer Geisteskrankheit auszulegen.

Auch im Neuen Testamentfinden sich Fälle von Wahnsinn. Das prominenteste Beispiel ist die Heilungdes Besessenen von Gerasadurch Jesus(Mt8,28?34; Mk5,1?20, Lk8,26?40). Bei Matthäus heißt es:

Bild:Healing of the demon-possessed.jpg
Aus einer mittelalterlichen Handschrift, ?Heilung des Besessenen von Gerasa?, Detail
?3Man konnte ihn [den Mann] nicht bändigen, nicht einmal mit Fesseln. 4Schon oft hatte man ihn an Händen und Füßen gefesselt, aber er hatte die Ketten gesprengt und die Fesseln zerrissen; niemand konnte ihn bezwingen. 5Bei Tag und Nacht schrie er unaufhörlich in den Grabhöhlen und auf den Bergen und schlug sich mit Steinen.?

Aber auch die Apostelwaren fähig, Wahnsinn zu heilen (zum Beispiel in Apg 5,16).

In der Inquisition verdichtete sich die Auffassung von Wahnsinn als Form der Besessenheit von Dämonen, Teufeln und bösen Geistern.

Bedeutung erlangte im Spätmittelalterund in der frühen Neuzeitauch die Vorstellung des Kampfes um die Seele (s. a. Prudentius, Psychomachie). Diese beinhaltete, dass die Mächte Gottes und des Teufels um die Seele des Menschen kämpften. Als eine mögliche Folge wurde das Eintreten geistiger Verwirrtheitvermutet.

Natürliche Erklärungsmodelle

Geistig-moralische Defekte

Im homerischenEpos bedeutete das griech. ????????? (mainesthai) ?rasen?, ?toben? oder ?von Sinnen sein?. Dieses Verhalten außerhalb der Normenwar in der Regel durch den Verlust der Affektkontrollebedingt. Unter ?gewöhnlichem? Wahnsinn verstanden die alten Griechenalso die Beeinträchtigung oder Ausschaltung des nüchternen Verstandes, zum Beispiel durch Schmerz, Wut, Hassoder Rachegelüste. Auch in der Attischen Tragödie, die existentielle und elementare Konflikte behandelt, wurde der Wahnsinn als Verlust des Selbstgesehen, der katastrophale Folgen für den Betroffenen und die Gemeinschaft haben konnte.

Nach Ende des Mittelalters, das vor allem dem Erklärungsmodell der Besessenheit verhaftet war, veröffentlichte Johann Weyer(1515?1588) im Jahre 1563 die Streitschrift De praestigiis daemonum gegen den Hexenhammer und die Inquisition. Er sah Wahnsinn als eine Krankheit des Geistes und setzte den religiösen Irrungen ein rationales medizinisches Paradigma entgegen. Er blieb jedoch ein Einzelkämpfer, der sich gegen Aberglaubenund Klerusnicht durchzusetzen vermochte. Dennoch konnte er sich auf Theophrast von Hohenheim(Paracelsus) (1493?1541) und Felix Platter(1536?1614) stützen, die wie er Vorkämpfer der medizinischen Psychiatriewaren. Platter behauptete, dass nicht jede Form von Wahnsinn automatisch durch Dämonen verursacht sei. Besonders im ?gemeinen Volk? fänden sich oft ?einfache Irre?, nicht jeder Geistesgestörte sei automatisch verflucht.

Bild:Goya4.jpg
Francisco Goya, ?Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer? (etwa 1797/98)

Seit dem 13. Jahrhundert ? so Michel Foucault ? begann sich das Verständnis von Wahnsinns allmählich zu wandeln. Er reihte sich allmählich in die Liste der Lasterein, die von Unmoral und Unvernunft des Betroffenen kündeten. Im 15. Jahrhundert stand Wahnsinn dann nicht mehr unbedingt in einem dämonischen Kontext. Stattdessen wurde nun oftmals die individuelle ?menschliche Schwäche? der Betroffenen ins Zentrum gerückt: Torheit und Narrheit liegen in der Verantwortungdes Einzelnen, der seine Zucht- und Maßlosigkeit nicht zu zügeln vermag. Das falsche Verhalten hat den Wahnsinn zur Konsequenz. Dieser gilt als Gebrechen und Fehlerhaftigkeit seines Trägers und wird in der Folge zum Stigma. Entsprechend wird der Narr, als jemand, der sich an den Grenzen oder außerhalb der Normen bewegt, der Lächerlichkeit preisgegeben.

Das ?Zeitalter der Aufklärung? bildete die Bedeutung des Wahnsinns als Fehlfunktion einer ursprünglich gesund angelegten Vernunft aus. Wahnsinn wird als der defekte Modus einer natürlichen Vernünftigkeit begriffen. Dieses aufklärerische Herausarbeiten der Vernunft bringt den Wahnsinn ? als Unvernunft ? als notwendigen Gegenpart hervor, um den Vernunftbegriff überhaupt sinnvoll konstituieren zu können. In diesem Konzept begrenzt und bedingt sich das komplementäreBegriffspaar gegenseitig. Michel Foucault hält diese Entwicklung zugleich auch verantwortlich für den parallel stattfindenden Beginn der Ausgrenzung des Wahnsinns und der Wahnsinnigen aus der Gesellschaft. Arthur Schopenhauerweist auf die gegenseitige Bedingtheit von Vernunft und Wahnsinn hin, wenn er postuliert, dass Tieredes Wahnsinns nicht fähig sind.

Körperliche Ursachen

Bild:Burton melancholie frontispiece.png
Frontispizder Erstausgabe von Robert Burtons?Anatomie der Melancholie? (1621)

Die griechische Medizinerklärte den Wahnsinn durch einen ?Überfluss an schwarzer Galle? (griech. ???? ????????, chole melanoia). Diese humoralpathologischeAuffassung des hippokratischen Corpuswar bereits frei von religiös-magischen Vorstellungen. In Humanismus und Renaissancewurde diese Theorie der ?schwarzen Galle? (lat. bilis atra) wieder populär. Deren dunkle Säfte und rußigen Dämpfe ? so glaubte man ? schlügen sich auf das Gehirnnieder, das schon als Sitz des Verstandes erkannt war, zermürbten es und machten es spröde. Die ?gelbe Galle? (lat. bilis pallida bzw. bilis flava) hingegen konnte nach Daniel Sennerthitzige Raserei verursachen und damit Grund für den cholerischen Wahnsinn sein. Ebenso wie für die Mania galt die ?gelbe Galle? auch als Ursache der Epilepsie, die zwar eher im Grenzbereich des Wahnsinnsbegriffes liegt, historisch diesem dennoch oftmals hinzugerechnet wurde.

Die Melancholie wurde als Krankheit des Herzenseingestuft, welches im Gegensatz zum Hirn als Sitz von Gemütund Gefühlangesehen wurde. Diese Lokalisation war jedoch nicht unumstritten. Girolamo Mercurialeetwa beschrieb die Melancholie als Störung der Imaginatioim vorderen Teil des Gehirns. Große Einigkeit bestand darin, dass die Phrenitis ? eine Entzündung der Gehirnhäute ? ein möglicher Grund für Wahnsinn ist, deren Ursache wiederum ?grimmige, bitter gewordene Galle sei, die die Fasern des Gehirns reizt? (Joannes Fantonus, 1738). Eine besondere Rolle kam auch der Milzzu, die als das Reservoirder von der Lebererzeugten schwarzen Gallensäfte galt. Wenn die ?schwarze Galle? von der Milz nicht richtig angezogen würde und sich dem Blut beimische, so gelange sie ins Hirn, und richte dort großen Schaden an (Ioannes Marinellus, 1615).

Der Melancholie nicht unähnlich ist der Komplex der Liebeskrankheit, amor hereos oder auch Morbus amatorius. Die Verbindung ist hier augenfällig, wenngleich Wahnsinn als eine durch unerfüllte Liebeverursachte körperliche Krankheit schon in der Antike um 600 v. Chr.von der Dichterin Sapphogeschildert wird und auch im Corpus Hippocraticum wieder auftaucht.

Bild:Phrenologie1.jpg
Vorstellungen der Phrenologievon den Funktionen der Gehirnareale

Früh wurden schon Verbindungen zwischen Verletzungen des Gehirns und Wahnsinn gezogen. So beschrieb Wilhelm von Conches (um 1080?1154) bereits Ursachen für den Wahnsinn durch Verletzungen des Gehirns: Der Betroffene verliere eine Fähigkeit, behalte aber die übrigen entsprechend der unbeschädigten Gehirnbereiche. Auch Mondino di Liuzzi(ca. 1275?1326) schuf eine Ventrikellehreder Pathologie: ?Ausfälle der mentalen Vermögen sind mit Läsionender entsprechenden Gehirnteile gleichgesetzt? (Lit.: Kutzer, S. 68f.).

Die positivistischePsychiatrie erhob den Anspruch, dass alle Erscheinungen des Wahnsinns nicht nur auf eine nachvollziehbar-kausale, körperliche Ursache zurückzuführen, sondern auch zu beheben sein werde. Der Geist, die Seele galt nunmehr als bloße Marionettedes Hirnorgans. Diese naturwissenschaftlich-anatomisch fundierte Psychiatrie setzte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts endgültig durch. Das psychiatrische Paradigmalautete: Krankheiten des Geistes sind Krankheiten des Gehirns. In der Folge wurde der Begriff ?Wahnsinn? als nosologischer Fachterminus obsolet und durch die Bezeichnung ?Geisteskrankheit? abgelöst.

Bild:Podkowinski - La Folie.jpg
Wladislaw Podkowinski, ?La Folie? (1894)

Am Ende des 19. Jahrhunderts rückte der Zusammenhang zwischen Wahnsinn und Sexualitätin den Mittelpunkt des Interesses. Basierend auf dem Gegensatzpaar Natur ? Kulturspielte die Geschlechtszugehörigkeitnun eine wichtige Rolle. Wilde, Angehörige der Unterschichtund Frauengehörten dem Bereich des Triebhaftenan, Männer der bürgerlichenZivilisation. Frauen galten aufgrund der ?Pathogenitätdes weiblichen Unterleibs? und der ?Minderwertigkeit der weiblichen Nerven? als besonders vulnerabel: Pubertät, Menstruation, Geburtund Menopausegalten als gefährlich. Die Lokalisation des ?Krankheitsherdes? führte zum spezifischen Begriff der Hysterie(von griech. ??????, hystera ?Gebärmutter?). In dieser Zeit wurde den Frauen geistige Gesundheit zum Teil nur noch als kurze Unterbrechung ihrer geschlechtsbedingten Krankheit zugestanden.

Die moderne Neurologiegeht von der ? philosophischallerdings umstrittenen ? Annahme aus, dass sich der Geistdurch eine Beschreibung der Funktion von Nervenzellenund chemischen Vorgängen im Hirn fassen lässt. Was sich nicht naturwissenschaftlich erklären lässt, falle automatisch in den Bereich der Psychiatrie beziehungsweise Psychologie. So unterscheidet die Medizin auch heute diejenigen psychischen Erkrankungen die sich körperlich erklären lassen ? wie Verletzungen des Gehirns, Hirnhautentzündung, Epilepsie, Creutzfeldt-Jakob-Krankheitund viele andere ? von denen, die sich nach heutigem Wissen (noch) nicht durch körperliche Gegebenheiten begründen lassen.

Seelische Störungen

Nachdem der Begriff ?Wahnsinn? im 19. Jahrhundert durch den Begriff der Geisteskrankheit ersetzt wurde, der sich von der Vorstellung ableitete, dass dem Menschen ein Geist, beziehungsweise eine Seele innewohnt und diese erkrankt sein könne (s. z. B. Psychoanalyse), wandelte sich der Begriff im 20. Jahrhunderterneut. Heute werden die Erscheinungen, die unter ?Wahnsinn? gefasst wurden, im allgemeinen nicht mehr mit dem Terminus ?psychische Erkrankung? benannt, sondern als ?psychische Störung? oder auch ?Verhaltensstörung? bezeichnet.

Diagnostik

Bild:Charles Bell - The Maniac.jpg
Charles Bell, ?Der Wahnsinnige? (1806)

Die auf empirischer Beobachtung basierende Diagnostikdes Wahnsinns begann im Jahr 1793, als der Mediziner und PhilanthropPhilippe Pinel(1745?1826) Leiter der Pariser Kranken-, Irren- und Besserungsanstalten zuerst in Bicêtre, dann in Salpêtrièrewird. Er führte humanere Behandlungsmethoden ein und klassifizierte die Insassen nach ihren individuellen Problemlagen. Wenn es möglich war, überwies er sie soweit dies sinnvoll war an andere Institutionen. Die zurückbleibenden Wahnsinnigen brachte er abhängig von ihrer Symptomatik in jeweils eigenen, abgetrennten Bereichen unter. Der somit gleichsam ?isolierte? Wahnsinn konnte in seinen Eigenarten nun mit empirisch-naturwissenschaftlichen Methoden untersucht werden. Die äußerlich sichtbar werdenden Krankheitszeichen, die Pinel akribisch beobachtete und mit der individuellen Biographiedes Kranken verknüpfte, wurden durch seine MonographieNosographie philosophique ou méthode de l'analyse appliquée à la médecine (Paris 1798) maßgeblich für die zukünftige Klassifikationdes Wahnsinns.

Bild:Kraniologie.jpg
Abbildung aus einem kraniologischen Lehrbuch des 19. Jahrhunderts

Für den Arzt Franz Joseph Gall(1758?1828) zählte das Irresein zu den Krankheiten, die grundsätzlich materielle Ursachen hatten. In seiner Wiener Praxisbegann er nach 1785 die Anatomiedes Gehirns und neurologische Grundfragen zwischen Organstruktur und -funktion zu untersuchen. Er kam zu dem Ergebnis, dass das Gehirn aus vielen einzelnen Einheiten besteht, deren individuelles Versagen zu spezifischen Formen des Wahnsinns führen konnte. Damit begründete er die Phrenologie(griech. phren ?Zwerchfell?, als Sitz der Seele in der griechischen Antike), deren Verbindung mit der Kraniologie (griech. kranion ?Schädel?) versprach, durch einfaches Abmessen der Schädelform die Bestimmung von Intelligenz, Charakter und moralischer Verfasstheit eines Menschen zu ermöglichen.

Heute werden psychische Störungen nicht mehr unter einem allgemeinen Begriff wie ?Wahnsinn? zusammengefasst, sondern fein differenziert; einen guten Überblick über das große diagnostische Spektrum dieser Störungen bietet die Liste psychischer Störungen.

Therapien

Magische Therapie

Eine Heilung des Wahnsinns wurde oft durch magische Mittelversucht, wobei die Gefahr besteht, 'den Teufel durch den Beelzebub (also einen anderen Teufel) auszutreiben'. Der Besessenheit durch böse Geister begegnete man aus christlicher Sicht dann richtig, wenn mit einem Exorzismusder Heilige Geist, d.h. Gott selbst, in den Kranken einzieht oder zumindest den Dämon vertreibt. Geistliche Heilungsmethoden standen den katholischen Gläubigenimmer zur Verfügung. Darüber hinaus konnten diese auch Pilgerreisenzu besonderen Wallfahrtsstätten unternehmen oder Messenlesen lassen. Bei den evangelischen Kirchenwurde in späterer Zeit das Gebet, die geistliche Beratungund das Lesen der Bibelbevorzugt.

Chirurgische Therapie

Bild:Hieronymus Bosch - Wahnsinnsstein.jpg
Hieronymus Bosch, ?Der Steinschneider? (um 1485)

Bohrungen (Trepanationen) an steinzeitlichenSchädelnkönnten als erste historisch fassbare Hinweise auf eine Auseinandersetzung mit dem, was in späterer Zeit als Wahnsinn bezeichnet wurde, gedeutet werden. Paläopathologenvermuten, dass es sich hierbei möglicherweise um Versuche einer chirurgischenBehandlung von Geisteskranken gehandelt haben könnte, bei denen ?bösen Geistern? eine Möglichkeit zum Entweichen aus dem Schädel des Patienten geschaffen werden sollte. Ähnliche Behandlungsmethoden sind auch aus späterer Zeit bekannt (s. Abb.).

Die Schattenseiten der psychiatrischen Medizin zeigten sich in den höchst zweifelhaften chirurgischen Therapieversuchen des 19. und 20. Jahrhunderts wie etwa der Hysterektomie, Kliterektomie, Lobotomieoder der allzu leichtfertig eingesetzten Elektrokrampftherapie.

Verwahrung und Zucht

Bild:Francisco Goya - Casa de locos.jpg
Francisco Goya, ?Casa de Locos? (1815/19)

Im Zeitalter des Absolutismusund Merkantilismuswird der Wahnsinnige zusammen mit anderen Randgruppen, die nicht den geltenden Verhaltensnormen entsprachen oder sich nicht an die Regeln hielten, aus dem öffentlichen Bewusstsein entfernt und in Internierungsstätten (England: workhouses, Frankreich: hôpitaux généraux, Deutschland: ?Zucht-, Arbeits- und Tollhäuser?) eingeschlossen und damit ?unschädlich? gemacht. Durch Zucht und Arbeit sollte ihrer ?Unvernunft? gegengewirkt werden. In einigen Asylen konnten die angeketteten Kranken als ?Monstrositäten? zur Abschreckungund Befriedigung der Schaulustgegen Eintritt durch vergitterte Fenster betrachtet werden.

Am Ende des 18. Jahrhunderts befreite die Aufklärung die ?Irren? zumindest aus ihren physischen Ketten. Die Betroffenen wurden prinzipiell als heilungsbedürftige Krankeanerkannt, wenngleich der Arzt vornehmlich damit beauftragt war, den Wahnsinnigen ?zu seinem eigenen Wohle? weiterhin zu isolieren und jegliche Disziplinierungstechnik, allen voran die ?moralische Behandlung?, therapeutisch zu rechtfertigen.

Keine Therapie

Bild:Sebastian Brant - Die Unsinnigkeit.png
Holzschnitt von Albrecht Dürer(?) aus dem Narrenschiff (um 1494)

Im Mittelalter wurde der Wahnsinn in der Regel auf das Einwirken Gottes zurückgeführt. Eine Möglichkeit der Hilfe für die Betroffenen, die man als ?natürliche Narren? bezeichnete, stand während der gesamten Epoche nicht zur Verfügung.

Die Betreuung der Wahnsinnigen war im Mittelalter sehr unterschiedlich. Die Haltung zur Krankheit und die Behandlung der Kranken hing stark von ihrem jeweiligen Sozialmilieuab. Je höher der soziale bzw. materielle Status ihrer Familie, desto größer war die Chance der Betroffenen, gepflegt und umsorgt zu werden und ihren Zustand womöglich ausheilen zu lassen. Wahnsinnige aus reichen Familien wurden eher integriert, die aus armen Familien oftmals vertrieben.

Solange man sie nicht für gefährlich hielt, wurden Betroffene häufig sich selbst überlassen. Manche erhielten ein Narrenkleid, das sie selbst schützen und andere warnen sollte. Die Familien der Wahnsinnigen waren versorgungs- und regresspflichtig: ?Over rechten doren unde over sinnelosen man ne sal man ok nicht richten; sweme sie aver scaden, ire vormünde sal it gelden.? (SachsenspiegelIII 3). Waren Betroffene eine öffentliche Gefahr, schloss man sie in Stadttürmen oder zuhause ein, bisweilen auch in Narrenkisten oder -käfigen außerhalb der Stadtmauern. Fremde wurden aus den eigenen Gebieten verjagt.

Psycho-Therapie

Heute wird eine Änderung des psychischen Zustands in der Regel durch unterschiedliche psychotherapeutischeMittel zu erreichen versucht, die je nach Fall mit medikamentösen Maßnahmen (Psychopharmaka) gestützt werden. Bisweilen ist es nach Ansicht fast aller Ärzte jedoch notwendig, den Patienten zeitweilig aus der Gesellschaft zu entfernenund stationär zu behandeln. Mit den Irrenhäuserndes 19. Jahrhunderts haben die modernen Psychiatrischen Klinikenzwar wenig gemein, dennoch sind diese als soziologischer Begriff weiterhin sehr negativ besetzt.

Wahnsinn in Kunst und Literatur

Die Darstellung des Wahnsinns ist in der Geschichte der Künste immer auch von Voyeurismusgeprägt gewesen. Das Sujetermöglichte es, das Subjektive, Symbolische, Phantastische und Irrationale zu gestalten. Träume, Ängste und vor allem das Hässliche waren hier bild- und textwürdig.

Beispiele aus der bildenden Kunst

Bild:Wilhelm von Kaulbach - Das Narrenhaus.jpg
Wilhelm von Kaulbach, ?Narrenhaus? (1834)

In der bildenden Kunst ist das Thema ?Wahnsinn? nicht übermäßig häufig dargestellt worden. Beliebte Sujets sind der Wahnsinn als Strafe oder Rache Gottes bzw. der Götter, die Heilung Besessener durch Jesus, die Apostel oder die Heiligen (siehe oben); ab dem 16. Jahrhundertauch Repräsentationenvon Wahnsinnigen und Portraits, seit dem 18. Jahrhundert auch Darstellungen aus Irrenanstalten. Im Folgenden einige bekannte Beispiele:

  • Typisierungen finden sich etwa in der Zeichnung ?Das Narrenhaus? von Wilhelm von Kaulbach, der Fiktion einer realistischen Szene im Hof eines Irrenhauses, in der jede Person der dargestellten Gruppe einen eigenen Typuseiner Geisteskrankheit repräsentiert. Die moralisierende Darstellung spiegelt eine biedermeierlichePathognomik, die die individuellen Gesichtszüge als Symptomattribute des Wahnsinns interpretiert. Dargestellte Typen sind u. a. der eingebildete Philosoph, Feldherr und König; der Narr, der Melancholiker, die sexuell ausschweifende und die liebeskranke Frau, mehrere religiöse Wahnsinnige usw.
Bild:William Hogarth - Rakes Progress.jpg
William Hogarth, ?A Rake's Progress?, Tafel 8 (1732/34)
  • Berühmte Innenansichten aus Irrenasylen finden sich etwa bei William Hogarthoder Francisco Goya. Hogarths achtes Bild der Serie ?A Rake's Progress? zeigt eine Szene aus dem Bethlam Hospital, in der die wahnsinnigen Insassen sehr klischeehaft ? etwa als eingebildeter Kaiseroder Papstmit den passenden, wenngleich karikierten Attributen ? dargestellt sind. Die schaulustigen Besucherinnen spiegeln den Voyeurismus der Gesellschaft und des Betrachters. Besonders auffällig ist die Gruppe in der linken unteren Ecke des Bildes, die einer Pietànachempfunden ist. Eine realistisch anmutende Szene bietet Goyas ?Casa de Locos?, welches neben den üblichen Stereotypen auch die Verwahrlosung und das trostlose Dahindämmern der Alleingelassenen in der Dunkelheit der Verwahranstalt anzudeuten scheint.
Bild:Theodore Gericault - Portrait Monomania - Detail.jpg
Théodore Géricault, ?Monomania? (1821/24), Detail
  • Die ersten Portraits von Geisteskranken werden Théodore Géricault zugeschrieben, der in der Salpêtrière zwischen 1821 und 1824 von zehn Patienten zu wissenschaftlichen Zwecken Bilder anfertigte, wenngleich nicht mehr bekannt ist, welche Formen des Wahnsinns die Bilder darstellen sollten. Da sich die Krankheit in den Gesichtszügen widerspiegeln sollte, hebt die Lichtregie besonders die Physiognomie hervor. Géricault stellt nicht mehr das unmäßig Verzerrte oder Groteske in den Mittelpunkt, sondern seine subtilen Darstellungen lassen offen, wo die Grenze zwischen Normalität und Wahnsinn liegt.
  • Darstellungen von Narren gehören nur teilweise und am Rande zum Themenkreis des Wahnsinns. Überschneidungen ergeben sich bisweilen bei den Attributen, an denen sich zum Teil auch Wahnsinnige erkennen lassen. Diese werden oftmals nicht nur in zerrissener oder schmutziger Kleidung dargestellt, sondern manchmal auch ? um einen besonderen Kontrasteffekt zu erzielen ? ähnlich den Narren mit Herrschaftszeichen ausgestattet, etwa Kroneund Szepter, die auch deutlich als Attrappenkenntlich gemacht sein können. Das Motiv der ?Welt als Narrenhaus? ist eine weitere bildlich ausgestaltete Variante.

Beispiele aus der Literatur

Bild:Narrenkäfig.jpg
Giuseppe Maria Mitelli (1634?1718): Die Welt als Käfig voller Narren

In der Literatur stellt der Wahnsinn ein wichtiges Motivdar, auch als Motivfügung der ?Welt als Tollhaus?. Das Handlungsschema von Schuldund Sühnewird oftmals mit Hilfe des Wahnsinn maßgeblich gestaltet. Er ermöglicht den Aufbau der pathologischen Entwicklung, eine plausible Darstellung der ungezügelten Leidenschaften und ungehemmten Auftritte und den psychologisch begründeten Zusammenbruch einer Figur. Zugleich kann die Reaktion unterschiedlicher Personen auf die Konfrontation mit dem Wahnsinn gezeigt werden. Dieses Motiv kann den Leser bzw. Zuschauer gleichzeitig weitgehend in die Handlung verwickeln und trotzdem eine gewisse innere Distanz wahren lassen. Im allgemeinen werden nur selten schwerste Geistesstörungen ? die wenig Entwicklungsmöglichkeiten zulassen ? dargestellt, sondern vielmehr Sinnestäuschungen, Hysterie, Rauschdelirienoder pathologische Langeweile.

Die Zuschreibungen für die Ursachen des Wahnsinns in den literarischen Darstellungen folgen in der Regel den jeweiligen historischen Auffassungen. In konservativer Sicht bleibt der Wahnsinn bis ins 19. Jahrhundert Strafe für Verfehlungen, seit der Aufklärung ist er auch Konsequenz ungezügelter Leidenschaften, mit der Frühromantiktritt die außer Kontrolle geratene künstlerische Genialität als mögliche Ursache hinzu. Ab dem 19. Jahrhundert finden sich erste ?realistische? Studien des Krankheitsbildes bei Émile Zola, August Strindbergund Gerhart Hauptmann. Im absurden Theaterist der Wahnsinn schließlich die Verfassung der Welt selbst, die ohne jede vernünftige Sinndeutung zu sein scheint (z. B. Jean GenetsDer Balkon). Für die Protagonisten kann dies auch bedeuten, den Un-Sinn einer Sinn-Gebung ihres Daseins zu erkennen.

Bild:Gustav Dore - Don Quixote.jpg
Gustave Doré, Illustration aus einer Ausgabe des Don Quijote (1880), Detail

Aus den zahllosen Werken der Literatur kann hier nur eine kleine Auswahl genannt werden. Zu den ältesten Darstellungen des Wahnsinns zählen der Iwein des Hartmann von Aue. William Shakespeareverwendet den Wahnsinn als Gestaltungsmittel mehrfach, am eindrücklichsten ist die monomane Besessenheit im Macbeth. Im satirischen Narrenschiff des Sebastian Brantwerden die Menschen gleichsam vom kollektiven Wahnsinn der Gesellschaft angesteckt; in ähnlicher Weise werden in Erasmus von RotterdamsLob der Torheit gesellschaftliche Zustände gegeißelt. Typische Vertreter der Romantiksind zum Beispiel E. T. A. Hoffmannmit der Darstellung des Medardus in den Elixieren des Teufels, des Nathanael im Sandmann oder des René Cardillac im Fräulein von Scuderi, sowie Bonaventuramit der Problematik einer bösartige Weltverfassung bzw. eines wahnsinnigen Weltschöpfers in den Nachtwachen. Die Lebensläufe einzelner Handlungsträger in einer als absurd empfundenen Welt in den Wahnsinn hinein finden sich bei Georg BüchnersLenz, DostojewskisDer Doppelgänger und in einigen Erzählungen Kafkas(je nach Interpretationsansatz u. a. Das Urteil, Ein Landarzt, Die Verwandlung). Eher gesellschaftskritisch sind die Schilderungen der Zustände in den Pflegeanstalten wie etwa am Beginn von Georg Heyms Der Irre.

Die wichtigste Funktion erfüllt der Wahnsinn als literarisches Motiv aber als Kennzeichnung des Endzustands einer Figur nach deren geistigen Zusammenbruchaufgrund unerträglicher psychischer Belastungen. In Miguel de CervantesRoman Don Quijote gibt es für den Helden keine Lösungsmöglichkeit zwischen Wirklichkeit und Illusion, Shakespeares König Lear zerbricht an seiner ausweglosen Situation, Othelloist durch seine Eifersucht verblendet; die Problematik des Künstlers zerreibt GoethesTorquato Tasso ebenso wie Aschenbach in Thomas MannsNovelle Der Tod in Venedig bzw. den Protagonisten in Doktor Faustus. Schuldgefühle treiben Hauptmanns Bahnwärter Thiel in die geistige Umnachtung ebenso wie Gretchen im Faust; aber auch Armut und Hunger können die Menschen um den Verstand bringen (z. B. in John SteinbecksFrüchte des Zorns, zur gesellschaftlichen Problematik s. a. Allen GinsbergsHowl).

Siehe auch

  • Massenhysterie, Cäsarenwahnsinn, Amok, Anti-Psychiatrie, Art Brut

Literatur

Kulturgeschichte

  • Roy Porter: Wahnsinn. Eine kleine Kulturgeschichte. Dörlemann, Zürich 2005, ISBN 3-908777-06-2(Ein leicht lesbarer kulturgeschichtlicher Streifzug, verfasst von einem ausgewiesenen Experten; manchmal etwas oberflächlich)
  • Michel Foucault: Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. 14. Aufl. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2001, ISBN 3-518-27639-5(Der ?Klassiker?, große Erkenntnistiefe, aber auch subjektiv-suggestiv und mit kritischem Abstand zu würdigen)
  • Michael Kutzer: Anatomie des Wahnsinns. Geisteskrankheit im medizinischen Denken der frühen Neuzeit und die Anfänge der pathologischen Anatomie. Pressler, Hürtgenwald 1998, ISBN 3-87646-082-4(Wissenschaftsgeschichtliche, quellenorientierte Untersuchung der Theorien zwischen etwa 1550 und 1750)
  • Klaus Dörner: Bürger und Irre. Zur Sozialgeschichte und Wissenschaftssoziologie der Psychiatrie. 3. Aufl. Europäische Verlags-Anstalt, Frankfurt a. M. 1995, ISBN 3-434-46227-9(Solide Darstellung der Verhältnisse in der ?bürgerlichen Zeit?, ca. 1700?1850)
  • Robert Castel: Die psychiatrische Ordnung. Das Goldene Zeitalter des Irrenwesens. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1979 u. ö., ISBN 3-518-28051-1(Systematische, psychiatrie- und gesellschaftskritische Untersuchung der Strukturen zwischen 1784 und 1838)
  • Werner Leibbrand, Annemarie Wettley: Der Wahnsinn. Geschichte der abendländischen Psychopathologie. Alber, Freiburg u. a. 1961. (Umfängliche medizingeschichtliche Gesamtschau, etwas veraltet)
  • H. Hühn: Wahnsinn. In: Joachim Ritter, Karlfried Gründer (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 12, S. 36?42. (Die philosophische Perspektive; sehr dicht, schwierig)
  • Rudolf Hiestand: Kranker König ? kranker Bauer. In: Peter Wunderli (Hrsg.): Der kranke Mensch in Mittelalter und Renaissance, S. 61?77. Droste, Düsseldorf 1986, ISBN 3-7700-0805-7

Literatur

  • Josef Mattes: Der Wahnsinn im griechischen Mythos und in der Dichtung bis zum Drama des fünften Jahrhunderts. Winter, Heidelberg 1970, ISBN 3-533-02116-5, ISBN 3-533-02117-3
  • Allen Thiher: Revels in madness. Insanity in medicine and literature. Univ. of Michigan Press, Ann Arbor, Mich. 1999, ISBN 0-472-11035-7(Chronologisch aufgebaute Abhandlung über die Verbindung von Wahnsinn und Literatur von den alten Griechen bis zur Gegenwart)
  • Wahnsinn. In: Horst S. Daemmrich, Ingrid G. Daemmrich: Themen und Motive in der Literatur. Ein Handbuch. 2. Aufl. Francke, Tübingen u. a. 1995, S. 333?336, ISBN 3-8252-8034-9, ISBN 3-7720-1734-7(Kurze, aber sehr erhellende Darstellung der Rolle des Wahnsinnsmotivs in der europäischen Literatur)
  • Dirk Matejovski: Das Motiv des Wahnsinns in der mittelalterlichen Dichtung. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1996, ISBN 3-518-28813-X

Bildende Kunst

  • Fritz Laupichler: Madness. In: Helene E. Roberts (Hrsg.): The encyclopedia of comparative iconography. Themes depicted in works of art. Bd. 2, S. 537?544. (Übersicht über die Ikonographie des Wahnsinns, mit einer umfänglichen Liste von Kunstwerken)
  • Franciscus Joseph Maria Schmidt, Axel Hinrich Murken: Die Darstellung des Geisteskranken in der bildenden Kunst. Ausgewählte Beispiele aus der europäischen Kunst mit besonderer Berücksichtigung der Niederlande. Murken-Altrogge, Herzogenrath 1991, ISBN 3-921801-58-3(Problemorientierte Einzelbesprechungen ausgewählter Kunstwerke mit Einordnung in die historischen Kontexte)
  • Birgit Zilch-Purucker: Die Darstellung der geisteskranken Frau in der bildenden Kunst des 19. Jahrhunderts am Beispiel der Melancholie und Hysterie. Murken-Altrogge, Herzogenrath 2001, ISBN 3-935791-01-1(Aufschlussreiche Untersuchung des Problemfeldes Wahnsinn und Weiblichkeit)

Weblinks

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  • Irren-Geschichte ? Zum Wandel des Wahnsinns ? Dipl.-Arb. von Gertraud Egger
  • Zur Geschichte der psychiatrischen Behandlungsverfahren von Prof. H. J. Luderer
  • Ist der Irre krank? ? Geschichtliche Entwicklung von Frank Wilde
  • Das Kulturkritische Lexikon zum Wahnsinn
  • Materialien zur Geschichte der Psychiatrie an der Brown University (engl.)
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