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Die Doppelbindungstheorie (engl. double-bind theory) wurde im Zusammenhang mit der Erforschung schizophrener Erkrankungen von einer Gruppe um den Anthropologenund Kommunikationsforscher Gregory Batesonentwickelt. Sie beschreibt die lähmende, weil doppelte Bindungeines Menschen an eine paradoxeBotschaft. Diese Botschaft richtet sich mit widersprechenden Handlungsaufforderungen auf unterschiedlichen Ebenen der Kommunikation(Inhaltsebene/ Beziehungsebene) an einen Betroffenen. Der Adressat erlebt diese Doppelbindung als unhaltbar und existentiellbedrohlich, weil ihm
- eine Wahl im Sinne der paradoxen Scheinalternativen tatsächlich nicht möglich ist,
- er sich aber aufgrund eines Abhängigkeitsverhältnisses gezwungen sieht, der Aufforderung dennoch zu entsprechen,
- er die der sprachlich korrekten Botschaft innewohnende Paradoxienicht erkennen kann / darf und
- er die Situation nicht verlassen kann.
Der Zwangscharakter und die "Illusion der Alternativen" in einer Doppelbindung schaffen für ihn eine "Lose/Lose-Situation". Bateson sah in dem wiederkehrenden Einfluss solcher Kommunikationsmuster auf Kinder innerhalb ihrer Familie einen wesentlichen auslösenden Faktor für die spätere Entwicklung von Schizophrenie.
Aufbauend auf Batesons Arbeit formulierte dessen Schüler, der Psychotherapeut Paul Watzlawick, eine "Theorie menschlicher Kommunikation". Er zeigte, dass die in Doppelbindungen enthaltenen kommunikativen Anomalientatsächlich ein weitverbreitetes Risiko der Alltagskommunikation von Menschen sind.
Der vorläufige und bedeutungsoffene, von den tatsächlichen Handlungsabsichten losgelöste Charakter ist nach Watzlawick gerade eine strukturelle und notwendige Voraussetzung menschlicher Kommunikation.
Gegen die pathogene Wirkung von Doppelbindungen führte er nach dem Grundsatz "similia similibus curentur" (lat. von "gleiches heilt gleiches") die therapeutische Doppelbindung, in Form der positiven Symptomverschreibung als paradoxe Interventionin die psychologische Behandlungspraxis ein.
Dieser Behandlungsansatz "paradosso e controparadosso" wurde von der italienischen Psychotherapeutin Selvini Palazzoliim Rahmen eines systemischenModells von Familientherapieweiterentwickelt und insbesondere zur Behandlung von magersüchtigen jungen Frauen und deren Familien genutzt. Siehe auch: Anorexia nervosa
Inhaltsverzeichnis
- 1 Erkenntnistheoretische Grundlagen
- 2 Notwendige Ingredienzen
- 3 Manipulation und Autoritätsdominanz
- 4 Anpassungsdruck und Selbstbild
- 4.1 Identitätsaufgabe
- 4.2 Anpassung als Wahrheitsform
- 4.3 Situationskomplexität und Selbstbild
- 5 Experiment: Das Pawlowsche Paradoxon
- 5.1 Versuchsanordnung
- 5.2 Ablauf
- 5.3 Interpretation
- 5.4 ?Hundegedanken?
- 6 Notwendige Unmöglichkeit
- 6.1 Sprachanalogie
- 6.2 Gedankenexperiment
- 6.3 Situationsparadoxon
- 7 Subjektivität als Maßstab
- 7.1 Neuronale Subprogramme
- 7.2 Kognitive Überlastung
- 7.3 Neuronale Arbeitsleistung
- 7.4 Destruktive Feedbackschlaufe
- 7.5 Phänomenologische Grundhaltung
- 8 Extremfall Schizophrenie
- 8.1 Kommunikationsformen
- 8.2 Familiensituation
- 8.3 Genetik
- 8.4 Umstrittener Oberbegriff
- 9 Beispiele
- 9.1 Anpassungsdruck
- 9.2 Metakommunikation
- 9.3 Suppenfalle
- 9.4 Psychotischer Anfall
- 10 Kritik an der Double-Bind-Theorie
- 11 Filme zum Thema
- 12 Literatur
- 13 Siehe auch
- 14 Weblinks
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Erkenntnistheoretische Grundlagen
Die Doppelbindungstheorie, die aus der Sozialpsychologie stammt, wurde maßgeblich von Gregory Bateson, Paul Watzlawickund ihren Kollegen an der Universität von Palo Alto entwickelt.
In der damaligen Wissenschaftsszene hatte es Bateson schwer, den Unterschied zwischen "Ursache und Wirkung" und "Differenz und Ideen", wie er die Ebene selbst bezeichnet, verständlich zu machen. Der Forschungsbereich der Wissenschaft bis weit in das 20. Jahrhundert war geprägt von physikalischen Kräften.
Kommunikation bezieht sich nur scheinbar direkt auf die Umwelt. Tatsächlich bezieht sie sich nur auf die von ihr nach ihren eigenen Gesetzen wahrgenommene innere Abbildung der Umwelt, also letztlich auf sich selbst. Diese Selbstbezüglichkeit, auch als Selbstreferenzialität oder Autoreferenzialität bezeichnet, ist typisch für jede Kommunikation.
Zentrale Operationenvon sozialen Systemensind nicht Handlungen, die auf der körperlich-materiellen Ebene vollzogen werden, sondern Kommunikation, die auf der geistig-informationellen Ebene stattfindet. Diese Kommunikation wird durch Sprache, Schrift, Mimik und Gestik auf multiplen Kommunikationskanälen vollzogen. Kommunikation findet zwischen Beobachter und Beobachtetem auf der subjektiven Erlebnisebene statt. Kommunikation ist nicht primär das Ergebnis physischer Interaktion zwischen biologischen Entitäten, sondern die als Beobachter und Beobachtetes auf der subjektiven Ebene bewusst wahrgenommene Manifestation multipel vernetzter, neuronaler und sozialer Systeme.
Das eigene Selbst ist kein System, sondern ein Identifikationspunkt innerhalb der vernetzten Kommunikation. Die menschliche Gesellschaft manifestiert sich also durch vernetzte neuronale und soziale Kommunikation im Bewusstsein des Beobachters. Diese sich selbstreferierende Definition grenzt sich absichtlich von deduktivenMethoden der klassischen, objektivistischenWissenschaft ab. Das gesellschaftliche System wird als ein sich selbst beschreibendes System betrachtet, das seine eigenen Beschreibungen enthält.
Gesellschaft besteht also nicht aus eigenmächtig handelnden, biologischen Entitäten, sondern ist ein komplex vernetztes, sich selbst beobachtendes, sich selbst referierendes Beobachtungssystem. Am Anfang steht also keine einheitliche Perspektive, sondern die Differenz von Beobachtendem und Beobachtetem. Die Grundeinheit dieser Perspektive ist die Operation der Beobachtung, die sich als Kommunikation vollzieht.
Beobachtung ist dabei immer eine systeminterne Operation, also ein Konstrukt innerhalb eines Systems. Dabei ist die Beobachtung (Projektion) immer an gewählte Beobachtungsperspektiven gebunden (selektive Wahrnehmung). Dieser Auswahlprozess ist selbst Ausdruck systeminterner neuronaler und sozialer Prozesse. Die Beobachtung kann also nicht sehen, was sich nicht im Feld der Beobachtung manifestiert. Diesen blinden Fleck kann nur ein Beobachter zweiter Ordnungbeobachten. Auf der Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung gelangt man zu einer vielschichtig vernetzten Welt (Gruppendynamik, Internet), sich selbst als Beobachter bewusst erkennender Identifikationspunkte, im physikalischen Raumzeitkontinuum.
In der Umwelt gibt es in diesem Sinne also weder Dinge noch Ereignisse: alles Beobachtbare ist Eigenleistung (=Konstruktion) des Beobachters, des operierenden Systems. Dies gilt folglich auch für die Erkenntnis einer Differenz Realität/Konstruktion. Erkenntnis führt damit auf Unterscheidungenzurück, welche wiederum auf Unterscheidungen zurückführen usw.
Siehe auch: Niklas Luhmann, John Cunningham Lilly
Notwendige Ingredienzen
Die notwendigen Ingredienzen einer double-bind-Situation sind:
- Zwei oder mehr Personen, die miteinander kommunizieren
- Wiederholte Kommunikationserfahrungen
- Ein primäres negatives Gebot, das
- mit dem sekundären Gebot auf einer abstrakten Ebene in Konflikt steht, und
- durch Strafen oder Signale verstärkt wird, die das Überleben bedrohen
- Ein sekundäres Gebot, das
- mit dem primären negativen Gebot auf einer abstrakten Ebene in Konflikt steht, und
- durch Strafen oder Signale verstärkt wird, die das Überleben bedrohen
- Ein tertiäres Gebot, das dem Opfer verbietet
- vom Schauplatz zu fliehen, oder
- über die Beziehung zu metakommunizieren
- Schließlich ist die gesamte Menge von Ingredienzien nicht länger erforderlich, wenn das Opfer erst gelernt hat sein Universum in double-bind-Mustern wahrzunehmen.
- Der wichtigste Unterschied zwischen einer widersprüchlichen und einer paradoxenHandlungsvorschrift besteht darin, dass man im Fall der ersteren eine Alternative wählen muss und kann und damit eine andere verliert oder erleidet. Dieses Ergebnis kann höchst unerfreulich sein, aber es bleibt eine logische Wahlmöglichkeit. Die paradoxe Handlungsvorschrift dagegen macht die Wahl selbst unmöglich.
Manipulation und Autoritätsdominanz
Menschen, die in ihrer Kindheit häufig double-binds ausgesetzt waren, haben in der Regel eine labile Persönlichkeitund können durch Suggestionenund Hypnoseungewöhnlich stark beeinflusst werden. Besonders gegenüber Autoritätspersonenverhalten sich solche Menschen sehr unterwürfig, sofern sie deren Überlegenheit anerkannt haben.
Durch double-binds Geschädigte können auf Befehl außerordentlich grausame Handlungen ausführen, auch wenn die Befehle deren ethischenund moralischenÜberzeugungen grundlegend widersprechen. Die Angstum das eigene Egoist aufgrund der labilen Persönlichkeitund des schwachen Selbstwertgefühlssehr groß. Außerdem können deren moralische Prinzipien durch Autoritätspersonen relativ leicht in Frage gestellt werden. Dies konnte durch das wegweisende Milgram-Experimentgezeigt werden.
In der heutigen Stress- und Leistungsgesellschaftsind die meisten Menschen mehr oder weniger durch double-binds geschädigt. Eine strenge Abgrenzung zwischen psychisch gesund und psychisch krank ist aus der double-bind-Perspektive nicht erwünscht und auch nicht möglich.
Ethische Verhaltensweisenentsprechen oft einer Anpassungan eine Erwartungshaltung im sozialen Umfeld und nicht der tieferen inneren Überzeugung. Dies konnte im Stanford-Experimenteindrucksvoll demonstriert werden.
Anpassungsdruck und Selbstbild
Identitätsaufgabe
Was double-binds so gefährlich macht, ist der hohe Anpassungsdruck, der von der Autoritätspersonauf das "Opfer" ausgeübt wird. Unter Anpassung versteht man die Integration eines Gegenstandes in ein kognitivesSchema.
In sog. normalenAbhängigkeitsverhältnissenkann eine Autoritätsperson Befehle erteilen, die Einfluss auf das Verhalten des Opfers ausüben, bei double-bind-Beziehungsmustern beinhaltet die Beeinflussung auch die Art der Selbstwahrnehmung, die das Opfer von sich hat.
Diese Methode der Gehirnwäschewurde oft im maoistischen China während der Kulturrevolution zur politischen Umerziehungangewendet: Es wurde vom Opfer nicht nur eine Anpassungan die vorherrschende Ideologie durch sein Denken und Handeln erwartet, sondern auch die Überzeugung, diese Umwandlung sei freiwillig und in Würde vollzogen worden, was natürlich überhaupt nicht den erlebten Erfahrungen des Opfers entsprach. Zwangsinternierung und Demütigungsritualewaren die Regel.
Das Opfer wird nicht nur gebrochen, sondern es hat auch nicht die Erlaubnis, sich selbst als Opfer wahrzunehmen, und erst recht nicht die Erlaubnis, den Täter als Täter wahrzunehmen. Die Autoritätsperson bestimmt also auch, wie sie vom Opfer erlebt werden muss. Sie bestimmt das Bild, das sich das Opfer von ihr machen muss.
Beispiel:"Mutti hat dich nicht bestraft, weil Mutti böse ist, sondern weil du böse warst. Mutti schlägt dich, weil sie es gut mit dir meint."
Ein Mensch, der einer solchen Situation ausgesetzt ist, muss durch den schmalen Spalt einer enormen Abweichungsintoleranz hindurchgehen und kann es sich nicht leisten, seine ursprüngliche Identität aufrechtzuerhalten. Die Angst vor Bestrafung, Folter oder Liebesentzug schafft die Bereitschaft, die bestehende Identitätaufzugeben. Dieser ständige Prozess der Identitätsaufgabe, der immer wieder von neuem stattfindet, verhindert die Entstehung einer intakten Persönlichkeitoder er bewirkt die Dekonstruktion einer bereits bestehenden Persönlichkeit.
Anpassung als Wahrheitsform
Wenn die Aussage einer Bezugsperson (des Senders) mit den Verhaltensmusternund Wertvorstellungen des Empfängers kollidiert, also eine kognitive Dissonanzhervorruft, stehen dem Empfänger zwei Möglichkeiten offen:
- Entweder er akzeptiert die Aussage und revidiert seine Verhaltensmuster, oder
- er lehnt die Aussage ab und revidiert seine Verhaltensmuster nicht.
Beispielsweise kritisiert der Vater seinen Sohn. Der Sohn hat nun zwei Möglichkeiten:
- Entweder er glaubt, sein Vater sei "böse" und die Kritik falsch, oder
- er glaubt, sein Vater sei "gut" und er hätte die Kritik verdient.
In dem Moment, in dem der Sohn die Feindbildprojektionauf seinen Vater aufgibt, verleugnet er auch einen Bestandteil seiner eigenen Persönlichkeit. Um jedoch die Integritätder eigenen Persönlichkeit zu wahren, ist ein Feindbild zwingend erforderlich.
Die Kritik als verdient zu akzeptieren hieße, die Gültigkeit der eigenen Verhaltensmuster in Frage zu stellen:
- Wenn sein Selbstvertrauenlabil ist, so sagt er: "Mein Verhalten war falsch, folglich wurde ich von meinem Vater zu recht kritisiert."
- Wenn sein Selbstvertrauen stabil ist, so sagt er: "Mein Verhalten war richtig, mein Vater kritisiert mich aber, folglich ist sein Verhalten falsch."
Wessen Verhalten als falsch interpretiert wird, ist letztlich eine Frage des Selbstvertrauens und eine Frage des Machtgefälles in der Beziehungsstrukturund nicht eine Frage der Berechtigung der Kritik, also des Wahrheitsgehalts des Inhaltsaspekts (Informationen, Daten, Fakten).
Hat der Sohn jedoch eine vertrauensvolle Beziehung zu seinem Vater, dann bewirkt die Akzeptanz der Kritik des Vaters keine Beschädigung seiner Persönlichkeitsintegrität. Dessen Kritik wird dann nicht negativ interpretiert, induziert also keine Feindbildprojektion.
Eine Feindbildprojektion ist somit aus zwei Gründen nicht vorhanden:
- Entweder der Sohn hat eine vertrauensvolle Beziehung zu seinem Vater, oder
- der Sohn hat die Erfahrung gemacht, dass eine Feindbildprojektion bestraft wird, also gefährlich ist.
Situationskomplexität und Selbstbild
Eine typische Aussage der Opfer von double-bind-Beziehungsmustern lautet: "Ich kann es meiner Mutter nie recht machen."
Wenn unterschiedliche Versuche der Adaptionan die Umgebung, beispielsweise in der Kindheit, regelmäßig durch ein negatives Feedbackfrustriert werden, dann entsteht beim Kind als Folge davon ein Gefühlder Überforderung. Eine psychische Überforderung entspricht neurobiologisch gesprochen einer Überlastung des neuronalen Systems.
Diese Überlastung des neuronalen Systemsauf hirnorganischer Ebene manifestiert sich auf der Ebene des Bewusstseins, also der Ebene des subjektiven Erlebens, in Form von Angst.
Angst ist eine negative Form des Selbstbildes, das der Erlebende von sich selbst hat. Dieses negative Selbstbild bezieht sich auf die subjektive Interpretation eines Subjektesoder Objektes, das der Erlebende in seiner subjektiv interpretierten Umweltbewusst wahrnimmt.
- Die Angst wird kleiner entweder,
- wenn das Selbstwertgefühldes Erlebenden zunimmt, oder
- wenn die Komplexitätder Situation, mit der der Erlebende konfrontiert wird, abnimmt.
- Der Erlebende fühlt sich weniger überfordert,
- wenn die Situation weniger anspruchsvoll ist, oder
- wenn sich die Fähigkeit des Erlebenden, mit einer solchen Situation umzugehen, verbessert hat.
Die Fähigkeit des neuronalen Systems, mit komplexen Situationen umgehen zu können, manifestiert sich auf der Ebene des Bewusstseins, also der Ebene des subjektiven Erlebens, in Form eines Gefühls von Mut und Stärke.
Selbstvertrauenentsteht als Folge von positiven Erfahrungen, die als Konsequenz des eigenen richtigen Handelns verstanden werden. Der Verlust des Selbstvertrauens ergibt sich als Folge von negativen Erfahrungen, die als Konsequenz des eigenen falschen Handelns verstanden werden.
Der Zusammenbruch des Selbstwertgefühlsmanifestiert sich in Zwangsstörungen, Panikattackenoder sonstigen Überlastungs- und Stressymptomen. Der Zusammenbruch des Selbstwertgefühls und außerdem ein ausgeprägter kommunikativer Orientierungsverlust: Diese Symptomatik entspricht weitgehend dem Krankheitsbild der sog. Schizophrenie.
Experiment: Das Pawlowsche Paradoxon
Bild:Pavlov paradoxon 2.png A: Bodenplatte A, B: Bodenplatte B, H: Hund, zw: Hundezwinger, S1: Stromstoss von k, S2: Stromstoss von e, k: Alpha-Tier k (Kreis), e: Alpha-Tier e (Ellipse)
Versuchsanordnung
Ein Hund H, zwei elekrifizierbare Bodenplatten A und B, große Bilder verschiedener Ellipsen e und eines Kreises k, ein Hundezwinger zw, der die Bodenplatten A und B umschliesst, der Experimentator Exp, der die Stromstösse S1 und S2 auslöst.
Die notwendigen Bedingungen für eine double-bind-Situation sind:
- Zwei oder mehr Subjekte, die miteinander kommunizieren:
e und k mit H
- Wiederholte Kommunikationserfahrungen:
- Wiederholte Stromstösse S1, S2 auf der Beziehungsebeneund
- wiederholte Wahrnehmung von k und e auf der Inhaltsebenedurch H während der Konditionierung
- Ein primäres negatives Gebot: k kommuniziert:
A ist verbotene Zone
- Ein sekundäres Gebot, das
- mit dem ersten auf einer abstraktenEbene in Konflikt steht: e kommuniziert: B ist verbotene Zone,
- und wie das erste durch Strafen oder Signale verstärkt wird, die das Überleben bedrohen: Strafe durch S1 und S2
- Ein tertiäres Gebot, das dem Opfer verbietet
- den Schauplatz zu fliehen: Hundezwinger zw,
- oder über die Beziehung zu metakommunizieren: Das Feedbackvon H wird von e und k ignoriert.
Feedback von H im Kampfmodus: Abwehr- oder Verteidigungsbellen, Zähnefletschen Feedback von H im Fluchtmodus: Angstbellen
- Schließlich ist die gesamte Menge von Ingredienzien nicht länger erforderlich, wenn das Opfer erst gelernt hat sein Universum in double-bind-Mustern wahrzunehmen: Konditionierungvon H bleibt erhalten auch ohne S1 und S2
Ablauf
Dem Hund wird abwechselnd das Bild einer deutlich erkennbaren Ellipse oder eines Kreises gezeigt. Einige Sekunden bevor Strom durch Platte A fließt, sieht der Hund einen Kreis, bevor Strom durch Bodenplatte B fließt, zeigt man dem Hund eine Ellipse. Mit der Zeit assoziiertder Hund die beiden Formen mit der jeweils entsprechenden Bodenplatte, und kann so die stromführende Platte rechtzeitig meiden. Siehe: Kontiguität
Die Bodenplatten können vom Hund nicht beide gleichzeitig vermieden werden, der Hund muss sich also zwischen Bodenplatte A oder B entscheiden. Nun zeigt der Experimentator dem Hund nach und nach Ellipsen, die immer schwieriger von einem Kreis zu unterscheiden sind, bis der Hund beide Bilder nicht mehr voneinander unterscheiden kann. Der Hund zeigt nun starke Verhaltensstörungen und wird entweder sehr aggressiv, oder zeigt große Furcht.
Interpretation
Es entsteht ein klassisches double-bind-Paradoxon: Das neuronale System des Hundes ist gezwungen sich für eine der zwei Platten zu entscheiden. Zunächst ist die kognitive Kapazität des Hundes ausreichend, um der Anforderung gerecht zu werden. Mit zunehmender Annäherung der beiden Formen Ellipse und Kreis, findet eine Überforderung der kognitiven Kapazität, also eine Überlastung des neuronalen Systems des Hundes statt. Der Hund erlebt diese Überlastung als Bedrohung.
Diese kognitive Überlastung bezieht sich aus der Sicht des Hundes auf das Bild des Kreises, resp. des beinahe-Kreises. Der Hund zeigt nun aggressives, resp. ängstliches Verhalten in Bezug auf das Bild. Entweder wird der Hund aggressiv, wenn er im Kampfmodus ist, oder ängstlich, wenn er im Fluchtmodus ist. Welches Verhalten eintritt, wird durch frühere Erfahrungen im Leben des Hundes bestimmt, und vermutlich durch eine genetische Prädisposition, also durch die Hundegattung.
?Hundegedanken?
Der Experimentator ist für den Hund unsichtbar. Der Hund erlebt einerseits die Ellipsen- und Kreisbilder, andererseits die unangenehmen Stromstösse. Durch die Assoziation der Bilder mit den Stromstössen scheinen diese Stromstösse von den geometrischen Formen ausgeteilt zu werden. Die Formen werden dadurch personifiziert. Dem Hund erscheinen sie als Bezugsformen. Im Bewusstsein des Hundes gibt es nun also das Alpha-Tier"Kreis" und das Alpha-Tier "Ellipse".
Der Hund denkt: "Alpha-Tier k (Kreis) will, dass ich auf Platte B stehe, sonst bestraft er mich. Alpha-Tier e (Ellipse) will, dass ich auf Platte A stehe, sonst bestraft er mich."
Als Folge des Lernprozesses sind neuronale Muster entstanden, die es dem Hund erlauben dem Willen beider Alpha-Tiere zu entsprechen. Der Wille der Alpha-Tiere k und e ist unterschiedlich (Platte A resp. B), aber die Alpha-Tiere erscheinen nie gleichzeitig, und so ergibt sich für den Hund kein Widerspruch. Kann der Hund die beiden Alpha-Tiere nicht mehr voneinander unterscheiden, da Ellipse gleich Kreis, weiß der Hund nicht mehr, welches Alpha-Tier etwas von ihm will. Beide Alpha-Tiere scheinen nun gleichzeitig präsent zu sein. Da er keinen Stromstoss erhalten will, muss er etwas tun, ohne zu wissen was. Er will sich anpassen, weiß aber nicht, was von ihm erwartet wird. Er beginnt zu raten: Sein neuronales System projiziert eine imaginierte Interpretationsform in die präsente Bezugsform.
Die wahrscheinlichkeit eines Stromstosses beträgt 50 Prozent, wenn e gleich k. Solange der Hund noch glaubt in der Lage zu sein, die Bezugsform identifizieren zu können, sind dessen neuronale Prozesse hyperaktiv. Erst wenn er die völlige Sinnlosigkeit seines Bemühens erkannt hat, gibt er den Wunsch auf, sich den Alpha-Tieren anzupassen. Er erhält dann zwar weiterhin Stromstösse, aber sein neuronales System wird so vor einem Zusammenbruch bewahrt.
Die neuronalen Muster, die sich ursprünglich als Folge der Konditionierunggebildet hatten, beginnen sich aufzulösen: die Assoziationwird dissoziiert. Und so verlieren die Alpha-Tiere ihre Macht über ihn.
Notwendige Unmöglichkeit
Sprachanalogie
Die Entwicklung der Persönlichkeiteines Kindes ist Ausdruck der Anpassungan die Umgebungssituation, in der sich das Kind befindet. Das Erlernen der Muttersprache ist eine Form der Anpassung an die soziale Umgebung und kann anschaulich als Analogiefür die Anpassungsproblematik bei double-binds herangezogen werden. Wenn ein Kind, das eine Mutterspracheerlernen soll, mit hundert verschiedenen Bezugspersonenkonfrontiert wird, die alle eine andere Sprache sprechen, dann ist eine sprachliche Anpassungdessen neuronalen Systems an die Umgebungnicht mehr möglich. Gleichzeitig hat das Kind aber den Eindruck, es sei lebenswichtig, diese Bezugspersonen sprachlich zu verstehen. Diese Unvereinbarkeit von unmöglicher Anpassung und absolut notwendiger Anpassung verhindert die Entstehung einer intakten und stabilen Persönlichkeit.
Gedankenexperiment
Das Problem der unmöglichen Anpassung kann sehr leicht anhand eines Gedankenexperimentsvisualisiertwerden. Man stellt sich vor, man müsse eine Zeitbombe entschärfen. Der Timer der Bombe zeigt an, dass bis zur Detonation noch 30 Sekunden verbleiben. Die Bombe kann nur entschärft werden, wenn man entweder den blauen oder den roten Draht durchtrennt. Man befindet sich nun in einer klassischen double-bind-Situation: Verzweifelt sucht man nach Kriterien, die einen Hinweis darauf geben könnten, welcher Draht der Richtige ist. Die hochkomplexeelektronischeSchaltungüberfordert die eigenen kognitivenFähigkeiten. Man muss aber die Logikder elektronischen Schaltung verstehen, um den harmlosen Draht identifizieren zu können.
Diese bekannte Klischeehandlungmag banal sein, aber sie zeigt dennoch klar und verständlich die psychologische Situation auf. Aus Spielfilmen dürfte auch die psychische Verfassung des Helden bekannt sein, der eine solche Situation meistern konnte, und dies obwohl sie nur einige Sekunden gedauert hat. Man kann sich also ungefähr vorstellen, in welchem Zustand sich das neuronale Systemeines Kindes befinden muss, das mehrere Jahre lang täglich solche Situationen durchzustehen hatte. Äußerlich mögen diese Kindheitssituationen unscheinbar sein, aber aus der Perspektive des Kindes werden sie erlebt, so wie der Held die Bombenentschärfung erlebt, und das ohne Ende.
Situationsparadoxon
Die paradoxe Situation ergibt sich nicht allein aus dem logischen Widerspruch auf der Inhaltsebene, sondern aus der Unvereinbarkeit von "Ich muss etwas tun" mit "Ich habe keine Information". Eine Anpassung setzt Spielregeln voraus, die sowohl bekannt als auch anwendbar sein müssen. Werden die Spielregeln zunehmend komplexer, so wird das Subjekt auch zunehmend mental gefordert. Eine gewisse Konsistenzder Spielregeln ist dazu erforderlich. Eine Anpassung ist nicht möglich, wenn die Spielregeln immer wieder verändert werden und sich sogar widersprechen. Wenn Spielregeln vorhanden sind, aber vom Subjekt nicht als solche identifiziert werden können, so ist dies gleichbedeutend mit einer chaotischenSituation. Eine unvorhersehbare, mental nicht simulierbareSituation verursacht, wenn sich vergleichbare Situationen als gefährlich erwiesen haben, meistens Angst. Siehe: Kontiguität
Es spielt keine Rolle, ob die Spielregeln wirklich paradoxoder nur pseudoparadox sind. Das Kind geht davon aus, dass die Anforderungen, die von der Autoritätsperson gestellt werden, prinzipiell erfüllbar sind. Das ist so, weil das Kind an die Autorität glaubt und sie als moralischen Maßstab akzeptiert hat.
Möglicherweise ist ein Anspruch mathematisch logisch, aber physikalisch unmöglich. Vielleicht ist er physikalisch möglich, aber biologisch unmöglich. Vielleicht ist er biologisch möglich, aber für den Menschen unmöglich, oder für den Menschen möglich, aber nicht für ein Kind.
Es gibt also ein breites Feld an potentiellen Widersprüchen, die sich auf der Ebene der mathematischen Logiknicht wirklich widersprechen. Entscheidend ist nur die Unerfüllbarkeit durch das Kind, also die subjektive Wahrnehmungeiner Überforderung im Bewusstseindes Kindes. Eine Aufgabe mag das Kind überfordern, solange aber für das Kind nicht die Notwendigkeit besteht, diese Aufgabe lösen zu müssen, kann das Kind die komplexe Situation mit einer gelassenen Neugier, also konfliktfrei, betrachten und daraus lernen.
Subjektivität als Maßstab
Neuronale Subprogramme
In dem Maße, in dem Handlungen des Kindes durch ein negatives Feedbackfrustriert werden, erweisen sich bestehende neuronale Muster als nicht geeignete Adaptionsstrategieund lösen sich auf oder werden in ihrer Priorität zurückgestuft.
Der Handlungsablauf und das Denken im Alltag eines Menschen manifestieren sich auf der Ebene seines Bewusstseins, also auf der Ebene des subjektiven Erlebens, in Form von generellen Trends. Die Ausführung dieser Trends macht die Anwendung von neuronalenSubprogrammen erforderlich, die vom menschlichen Biocomputer unbewusst abgerufen und angewendet werden. Neuronale Subprogramme sind gemachte Lernerfahrungseinheiten aus der Vergangenheit, die in der Gegenwart als Problemlösungseinheiten jederzeit abgerufen werden können.
Neuronale Subprogramme können durch den Biocomputer auch als Folge einer bewusst oder unbewusst gemachten mentalen Simulation möglicher zukünftiger Ereignisse hervorgebracht werden. Eine beständige Interaktionbereits vorhandener neuronaler Subprogramme auf der unbewussten gedanklichenEbene findet statt. Die auf der Ebene des Bewusstseinsvorhandene Manifestation dieser Interaktion wird auch als Traumbezeichnet.
In dem Maße, in dem diese Subprogramme zur Verfügung stehen, fällt es dem neuronalen System leicht, Probleme zu lösen. Stehen die Subprogramme jedoch nicht zur Verfügung, so müssen sie durch den Biocomputer in Echtzeitgeneriert werden, was enorme Ansprüche an das neuronale System stellt. Das Selbstvertrauenist, neurologisch betrachtet, die Gewissheit, sich auf seine neuronalen Subprogramme verlassen zu können. Mit Hilfe der neuronalen Subprogramme agiert man unbewusst im "Autopilotmodus". In dem Maße, in dem durch negative Erfahrungen Subprogramme frustriert und somit "auf Eis" gelegt worden sind, steigt auch die Anforderung an das neuronale Gesamtsystem.
Kognitive Überlastung
Es ist zu beobachten, dass Kommunikation in sozialen Systemen ähnlich abläuft wie die Selbstreproduktion lebender Organismen: Ähnlich wie diese nur Stoffe aus der Umwelt aufnehmen, die für ihre Selbstreproduktion relevant sind, nehmen auch Kommunikationssysteme in ihrer Umwelt nur das wahr, was zu ihrem "Thema passt", was an den Sinn der bisherigen Kommunikation "anschlussfähig" ist. "Sinn" ist, für den mit seiner Umwelt interagierenden Beobachter, ein Mechanismus zur Reduktion von Komplexität: In der unendlich komplexen Umwelt wird nach bestimmten Kriterien nur ein kleiner Teil herausgefiltert; die Grenze eines sozialen Systems markiert somit eine Komplexitätsdifferenz von außen nach innen.
Auf der Ebene des subjektiven Erlebens manifestiert sich die improvisierte Generierung von Subprogrammen in Echtzeit dergestalt, dass das bewusste Denken des betreffenden Subjekts mit Information geradezu überflutet wird. Um diese kognitiveÜberflutung oder Überlastung einzudämmen, ist der Betreffende dazu gezwungen, die Geschwindigkeit seiner Handlungsabläufe zu reduzieren. Dies ist ein Symptom, das bei sog. "Schizophrenen" häufig beobachtet werden kann.
Auch erzählen sie von einer Wahrnehmung unzähliger, teils nebensächlicher Informationen.
Phänomene und Vorgänge, die psychisch Gesunden unwichtig erscheinen, werden nun als sehr wichtig wahrgenommen. Das sind sie ja auch, denn die Subprogramme, die jenen Vorgängen zugeordnet waren, haben sie als unwichtig erscheinen lassen. Unwichtig erscheint etwas eben gerade dann, wenn es von den neuronalen Subprogrammen unbewusst oder kaum bewusst verarbeitet werden kann. Der Zusammenbruch der Subprogramme lässt Unwichtiges wichtig erscheinen, und das Wichtige muss unter Zuhilfenahme des bewussten Denkens bewältigt werden.
Neuronale Arbeitsleistung
Die Lösung bestimmter kognitiver Aufgaben ist für sog. "Schizophrene" nur mit wesentlich größerer neuronaler Arbeit als bei psychisch Gesunden möglich. Diese neuronale Arbeit wird subjektiv als Anstrengung oder Mühe empfunden.
Muss ein Mensch beispielsweise Holzscheite aufstapeln, so scheinen sie mit zunehmender körperlicher Erschöpfung immer schwerer zu werden, obwohl deren Gewicht, physikalisch betrachtet, natürlich gleich bleibt.
Wenn das neuronale System durch die Frustrierung der neuronalen Subprogramme geschwächt worden ist, so scheinen kognitive Aufgaben für das Subjekt immer komplexer zu werden, obwohl deren Komplexität, aus der Perspektive eines Beobachters, überhaupt nicht größer geworden ist.
Destruktive Feedbackschlaufe
Psychische Konfliktsituationen, wie beim double-bind, werden vom Opfer in zunehmendem Maße als bedrohlich erlebt, obwohl sie, aus der Sicht eines Beobachters, nicht wirklich bedrohlicher geworden sind.
Es ergibt sich hier eine destruktive Feedbackschlaufe: Psychische Gewalt bewirkt eine psychische Schwächung, eine psychische Schwächung lässt die psychische Gewalt potenter erscheinen, die potenter erscheinende psychische Gewalt bewirkt eine potentere Schwächung des neuronalen Systems, die potentere Schwächung des neuronalen Systems vermindert das kognitive Potentialdes Subjekts, die Schwächung des kognitiven Potentials des neuronalen Systems entspricht schließlich einer psychischen Schwächung des Subjekts.
Phänomenologische Grundhaltung
Das Primat des Phänomenalen: Die Erlebniswelt des Menschen, wie sie sich darbietet, als einzige unmittelbar gegebene Wirklichkeit anzuerkennen und ernst zu nehmen. Der absolute Maßstab für die psychische Schädigung ist also das subjektive Erleben des Subjekts.
- Ansichten und Lebenseinstellungen nicht verabsolutieren, sondern immer wieder im konkreten Erfahrungsbereich des Alltags überprüfen.
- Sich nicht im Spekulativen und in voreiligen Interpretationen verlieren, sondern sich von der im Hier und Jetzt erfahrbaren Erlebniswelt leiten lassen.
- Die Autonomie der Erfahrung des Anderen achten und auch die Art und Weise, wie er seine Erfahrungen benennt.
- Akzeptieren, dass die Art und Weise, wie sich uns die Welt zeigt, immer auch mit unserer Gewohnheit der Wahrnehmung, unserer Erwartungshaltung und mit unseren Intentionen gegenüber dem Leben zusammenhängt.
- Vermeiden der gedanklichen Trennung von Subjekt und Objekt, von Beobachter und Beobachtetem.
Extremfall Schizophrenie
Kommunikationsformen
In Extremfällen, wenn die Kommunikation sehr häufig durch solche Doppelbotschaften gekennzeichnet ist, kann dies beim Adressaten schwere psychische Störungennach sich ziehen. Die Theorie der Doppelbindung spielt in der Schizophrenieforschungsowie der Kommunikationstheorieeine bedeutende Rolle, und wird in zunehmendem Maße für die Analyse und Beschreibung pathologischer Kommunikation im individuellen Bereich in der Psychotherapieund im gesellschaftlichen Bereich in der Sozialpsychologieund in der Pädagogikangewendet.
Die kommunikationstheoretisch orientierte Schizophrenieforschung arbeitet mit der Hypothese, dass lang andauernde Kommunikationserfahrungen nach dem Muster des double-bind beim Opfer zu Kommunikationsstrukturen führen, die mit den klinischen Kriterien der Schizophrenie fast identisch sind: Das Opfer verliert immer häufiger und schließlich, beim Ausbruch in die Psychose, vollkommen die Möglichkeit, die gesellschaftlich verbindlichen Kommunikationsformen in sinnvollen Zusammenhängen zu erleben und anzuwenden.
Familiensituation
Nach BatesonsHypothese weist die Familiensituation des Schizophrenen folgende allgemeinen Merkmale auf:
1. Ein Kind, dessen Mutter Angst bekommt und sich zurückzieht, sobald das Kind auf die Mutter reagiert wie auf eine liebende Mutter. Das heißt, die bloße Existenz des Kindes hat für die Mutter eine spezielle Bedeutung, die in ihr Angst und Feindseligkeit erregt, sobald die Gefahr besteht, dass sie mit dem Kind in innigen Kontakt gerät.
2. Eine Mutter, die ihr Gefühl der Angst und Feindseligkeit gegenüber dem Kind nicht akzeptieren kann und es deshalb verleugnet, indem sie ein liebevolles Verhalten an den Tag legt, um das Kind zu veranlassen, in ihr die liebevolle Mutter zu sehen, und um sich zurückzuziehen, wenn das Kind das nicht tut. "Liebevolles Verhalten" impliziert nicht unbedingt Zuneigung; es kann zum Beispiel Teil eines Bemühens sein, das Richtige zu tun, "Güte" einzuflößen usw.
3. Das Fehlen von jemand in der Familie, z. B. eines starken und einsichtigen Vaters, der sich in die Beziehung zwischen Mutter und Kind einmischen und das Kind angesichts der aufgetretenen Widersprüche unterstützen kann.
Genetik
Zur Genetik schreibt Bateson: "Es muss in der Ätiologieder transkontextuellenSyndromenatürlich auch genetische Komponenten geben. Beispielsweise könnte genetische Komponenten die Lernfähigkeit oder die Potentialität, diese Fähigkeit zu erlangen, dazu determinieren, transkontextuell zu werden. Umgekehrt könnte das GenomFertigkeiten hervorbringen, transkontextuellen Wegen zu widerstehen, oder die Potentialität, diese zu erlangen."
transkontextuellbedeutet: über den normalen gedanklichen Bezugsrahmen hinausgehend, fast wie eine Lebensphilosophie, Siehe auch: NLP Meta-Programme
Umstrittener Oberbegriff
Es gibt keine einheitliche Schizophrenie. Es gibt nur eine Vielfalt von seelischen Störungen, die Eugen Bleulerzu Anfang dieses Jahrhunderts als Gruppe der Schizophrenien zusammengefasst hat. Sie sind in ihrem Erscheinungsbild und ihrem Verlauf so unterschiedlich, dass immer wieder zur Diskussion steht, ob alle unter diesem Oberbegriff zusammengefassten Störungen auch in eine Gruppe gehören. Dies ist keine Entdeckung der Antipsychiatrie. Es besteht Einigkeit, dass bei diesen Störungen nicht die Krankheit behandelt wird, sondern Krankheitszustände. Weil die Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis ein so uneinheitliches Bild bieten, ist eine einheitliche Behandlung nicht möglich.
Beispiele
Anpassungsdruck
Beispiel 1: "Wie kannst du bloß unglücklich sein. Haben wir dir nicht alles gegeben, was du willst? Wie kannst du nur so undankbar sein, dass du sagst, du bist unglücklich, nach allem, was wir für dich getan haben, nach all den Opfern, die für dich gebracht worden sind?"
- Decodiert heißt dies: "Du hast nicht die Erlaubnis, dich unglücklich zu fühlen, weil wir es nicht so wollen; wenn du dich unglücklich fühlen willst, dann fühle dich auch schuldig dabei."
- Das Bemühen des Sohnes, der Erwartungshaltung seiner autoritären Eltern zu entsprechen, hat ihn unglücklich gemacht. Die Eltern sind nun nicht bereit, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Sie machen den Sohn dafür verantwortlich, indem sie sein Unglücklichsein als Rebellion interpretieren und nicht als psychische Verfallserscheinung: "Er ist nur unglücklich, weil er uns ärgern will!"
- Der Sohn kann sein Unglücklichsein im Sinne einer Anpassung an seine Eltern nur verdrängen, wenn er seine Lebenserfahrungen und somit einen Bestandteil seiner Persönlichkeit verleugnet. Anpassungsdruck und Autoritätsdominanz sind also sehr hoch.
Metakommunikation
Beispiel 2:
- Mutter: Ich bin nicht böse, dass du so redest. Ich weiß ja, du meinst es nicht wirklich so.
Tochter: Aber ich meine es so. Mutter: Nun, Liebes, ich weiß, du meinst es nicht so. Du kannst dir nicht selber helfen. Tochter: Ich kann mir selber helfen. Mutter: Nein, Liebes, ich weiß, du kannst es nicht, denn du bist krank. Würde ich einen Augenblick vergessen, dass du krank bist, dann wäre ich sehr wütend auf dich.
- Decodiert lautet die Mitteilung des Unterbewusstseins der Mutter: "Wenn du nicht akzeptierst, dass du schwach, hilflos und unbedeutend bist, dann werde ich wütend."
- Es ist in dieser Situation für die Tochter sehr schwierig, metakommunikativzu agieren. Das kommunikative Verhalten der Mutter verletzt die Gefühle der Tochter, aber sie kann nicht sagen, was an den Aussagen der Mutter eigentlich so verletzend ist. Auf der Inhaltsebene erscheinen deren Äußerungen harmlos zu sein, im Kontext auf der Beziehungsebene entfalten sie jedoch erst ihre destruktive Wirkung.
- Würde die Tochter metakommunikativ intervenieren: "Mutter, wieso nimmst du mich nie ernst und erniedrigst mich?", so würde die Mutter auf den harmlosen Inhaltsaspekt der Kommunikation verweisen, und somit die Kritik als ungerechtfertigt zurückweisen: "Werd nicht frech, du spinnst ja." oder "Das bildest du dir ein." Die Feindseligkeit der Mutter ist unscheinbar, weil inhaltlich codiert, aber kontextuell in einem destruktiven Sinne sehr effektiv.
Suppenfalle
Beispiel 3: Nehmen wir an, eine Frau fragt Ihren Mann: "Diese Suppe ist nach einem ganz neuen Rezept ? schmeckt sie dir?" Wenn sie ihm schmeckt, kann er ohne weiteres "ja" sagen, und sie wird sich freuen. Schmeckt sie ihm aber nicht, und es ist ihm außerdem gleichgültig, sie zu enttäuschen, kann er ohne weiteres verneinen. Problematisch ist aber die Situation, wenn er die Suppe scheußlich findet, seine Frau aber nicht kränken will. Auf der sogenannten Inhaltsebene, also was die Qualität der Suppe betrifft, müsste seine Antwort "nein" lauten. Auf der Beziehungsebene müsste er "ja" sagen, denn er will sie ja nicht verletzen. Was sagt er also? "schmeckt interessant", in der Hoffnung, dass seine Frau ihn richtig versteht. Oder er sagt: "Schmeckt ganz gut, brauchst du aber nicht wieder zu kochen". (Watzlawick, Paul: Anleitung zum Unglücklichsein)
Psychotischer Anfall
Ein Beispiel aus der Praxis: Eine Mutter kommt zu ihrem psychisch kranken Sohn in die psychiatrische Klinik, um ihn zu besuchen. Sie betritt den Raum, ihr Sohn geht auf sie zu, und will sie zur Begrüßung umarmen. Die Mutter weicht ein wenig zurück, worauf der Sohn davon ablässt, sie zu umarmen. Darauf sieht sie ihn mit einem vorwurfsvollen Blick an und sagt: "Was ist, hast du mich nicht mehr gern?" Der junge Mann erleidet daraufhin einen psychotischen Anfallund wird mit Psychopharmakaruhig gestellt.
- Interpretation des Praxisbeispiels: Das subtile Zurückweichen der Mutter beim Versuch des Sohnes die Mutter zu umarmen, wurde von seinem Unterbewusstseinrichtigerweise als Ablehnung interpretiert. Das Zurückweichen bedeutet soviel wie: "Umarme mich nicht!" Der Sohn entspricht diesem nonverbal geäußerten Wunsch, und verzichtet darauf, seine Mutter zu umarmen. Der Sohn entspricht also dem Wunsch seiner Mutter; er passt sich ihrem Willen an.
- Ein logisches Feedbackin einer gesunden interpersonellen Interaktionwürde nun darin bestehen, dass er dafür belohnt wird, beispielsweise mit einer kleinen Geste von der Mutter. Er wird aber mit einem Vorwurf verbal dafür bestraft. "Was bist du nur für ein böser Junge, du willst deine Mutter nicht umarmen!" Der Sohn wird von seiner Mutter also dafür bestraft, dass er ihrem Willen entsprochen hat. Die durch den Sohn primär richtig erfolgte Interpretation des Zurückweichens der Mutter wird dadurch nun in Frage gestellt. Das primäre Verhalten des Sohnes hat sich als eine nicht geeignete Verhaltensstrategieherausgestellt.
- Hätte der Sohn das Zurückweichen der Mutter ignoriert, und sie dennoch umarmt, so hätte sie ihm dies ebenfalls zum Vorwurf gemacht. Sie hätte ihm dann vielleicht einen vorwurfsvollen Blick zugeworfen im Sinne von: "Was würde dein Vater sagen, wenn er sehen würde, dass du seine Frau umarmst!" siehe auch: Ödipuskomplex
- Es gibt für den jungen Mann also absolut keinen Ausweg aus der Situation. Was immer er auch tut, er erlebt ein negatives Feedback. Seine ihm übermächtig erscheinende Mutter zufrieden zu stellen, erscheint ihm aber außerordentlich wichtig. In seiner Kindheit musste er die leidvolle Erfahrung machen, wie gefährlich mächtige Bezugspersonen sein können, die mit seinem Verhalten nicht zufrieden sind.
- Sein Unterbewusstseinscheint zu sagen: "Ich werde in dieser Situation hier noch wahnsinnig!" Dieser Konflikt im Unterbewusstseinentlädt sich gewissermaßen über den psychotischen Anfall, der nichts anderes darstellt als einen verzweifelten Versuch, aus der hoffnungslosen Situation mit aller Machtauszubrechen. Der Willezum Ausbruch ist da, aber der Weg dazu ist völlig unbekannt. Eine sinnlos erscheinende Freisetzung psychischer Energie ist die Folge davon.
Kritik an der Double-Bind-Theorie
Diese Sichtweise konkurriert mit der in der Schulpsychiatrieweitgehend biologistisch orientierten Betrachtungsweise. Die Double-Bind-Theorie wird hauptsächlich von Psychoanalytikern, nicht-medizinischen Psychotherapeuten, der Antipsychiatrie-Bewegung und von sog. Psychiatrieerfahrenen-Patientenorganisationen vertreten, und stellt ein Gegenmodell zur überwiegend biologistisch orientierten Schulpsychiatrie dar, die nicht primär psychische Gewaltin der Kommunikation, sondern in erster Linie genetische Anomalien und neurobiologische Funktionsstörungen als Hauptursache für schwere psychische Erkrankungen wie die Schizophrenie erachtet.
Ursache der Schizophrenie ist, nach Ansicht der Psychiatrie, ein Ungleichgewicht des Dopaminsystems. Man vermutete zunächst eine überhöhte Dopaminproduktion, stellte dann aber auch eine höhere Anzahl von Dopamin-2-Rezeptoren im Hirn "Schizophrener" fest. Neuerdings fand man in einigen Studien aber auch eine überschießende Aktivität des Neurotransmitters Serotonin. Durch diese übermäßige Aktivierung werden, nach Ansicht der Psychiatrie, ständig unaufgefordert Erinnerungen abgerufen, die so glaubhaft sind, dass der "Schizophrene" sie von der tatsächlichen Realität nicht unterscheiden kann.
Die Psychiatrie betrachtet das neuronale System nicht primär als logischenSchaltkreis, der umprogrammiert werden kann, sondern als eine biochemische"Suppe" von Neurotransmittern, auf die man mit PsychopharmakaEinfluss nehmen kann. Psychoanalytiker sehen psychische Probleme als Softwareproblem, Psychiater hingegen betrachten sie in erster Linie als Hardwareproblem.
Psychoanalytiker negieren neurologische Veränderungen nicht, aber sehen deren Ursache auf der geistig-logischen Ebene. Psychiater hingegen sehen die neurobiologische Ebene als Ursache für geistig-psychische Probleme.
Psychiater: "Die Software spielt verrückt, weil etwas mit der Hardware nicht stimmt."
Psychoanalytiker: "Die Hardware macht nicht was sie soll, weil etwas mit der Software nicht stimmt."
Das neuronale System kann nicht wirklich in Hardware und Software unterteilt werden. Diese Unterteilung ist aber dennoch sinnvoll im Sinne einer Unterscheidung von Verschaltungsproblem als Folge negativer Lebenserfahrungen versus "biologisch minderwertiger Mensch".
Filme zum Thema
- PsychoAlfred Hitchcock: Der junge Norman Bates, gespielt von Anthony Perkins, ist gefühlsmässig zerrissen zwischen seiner imaginären Mutter, deren Befehle ihn davon abhalten sollen, sich mit unbekannten jungen Frauen zu verabreden und seiner Zuneigung für einen von Janet Leigh dargestellten Motelgast. Er löst den Konfliktdurch die Ermordung der jungen Frau. Am Ende des Films erfährt man unter anderem, dass dies nicht sein erster Mord war.
- 2001: Odyssee im WeltraumArthur C. Clarke, Stanley Kubrick: Der Schriftsteller Arthur C. Clarke hat eine der dramatischen Episoden von 2001 erdacht, in der es darum geht, dass es für eine künstliche Intelligenzkeinen Grund gibt, gegenüber Doppelbindungen weniger verletzlich zu sein, als eine biologische Intelligenz:
- Der Rechner HALwurde von der wissenschaftlichen Leitung angewiesen, kompromisslos mit der Mannschaft zu kooperieren. Gleichzeitig war er an die Anweisung der Militärbehörden gebunden, der Mannschaft den wahren Grund der Mission bis zur Ankunft auf Jupiter zu verheimlichen. Durcheinander gebracht versucht HAL, einen der Astronauten andeutungsweise auf seinen Konflikt aufmerksam zu machen, worauf HAL, um von der Konversation abzulenken, eine Störung im Kommunikationssystem simuliert.
- Nach der Aufdeckung der gefälschten Kommunikationsstörung erwägen zwei der Astronauten HAL abzuschalten. Als HAL davon erfährt, sieht er die Mission gefährdet, was seiner Programmierung widerspricht, die Mission unbedingt zu schützen. HAL entzieht sich der Doppelbindung, indem er damit beginnt, die Besatzung zu töten ? die einzige Methode, um den Befehlen dann noch gerecht werden zu können, und die Kontrolle über die Mission nicht zu verlieren.
Literatur
- Theorie der Doppelbindung: Werke von Gregory Batesonund Paul Watzlawick
- Psychotherapie: Werke von Ronald D. Laing
- Kindererziehung: Werke von Jesper Juul
- Metaprogramme, Subprogramme und Biocomputer: Werke von John Cunningham Lillyund Timothy Leary
- Soziologie: Publikationen nach 1960 von Norbert Elias, bei denen der "Doppelbinder" nicht selten herangezogen wird
- Systemtheorie: Werke von Niklas Luhmann
Siehe auch
- Doppeldenk
- Ambivalenz, Kognitive Dissonanz
- Kommunikation (Psychologie), Nonverbale Kommunikation, Gewaltfreie Kommunikation, SABS-Modell, Metakommunikation
- Radikaler Konstruktivismus
- Systemische Therapie, Gestalttherapie, Bioenergetische Analyse
Weblinks
- Double-Bind und Mystifizierung
- Double-Bind und Chaosforschung
- Ronald D. Laing: Mystifizierung, Konfusion und Konflikt
- Gregory Bateson: Auf dem Wege zu einer Schizophrenie-Theorie
- Double-Bind Hypothese und Dreier-Beziehung
- Schizophrenie und Kommunikation (pdf-Datei)
- Beats Biblionetz ? Begriffe: double binden:Double bind
fr:Double contrainte
it:Doppio legame
Seitenkategorien: Klinische Psychologie| Psychotherapie| Psychoanalyse| Kommunikation| Sozialpsychologie
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