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Gegenübertragung

Als Gegenübertragung bezeichnet man in der Psychoanalyseeine Form der Übertragung, bei der ein Therapeut auf den Patienten (bzw. auf dessen aus Übertragungsphänomenen hervorgehende Handlungen und Äußerungen) reagiert und seinerseits seine eigenen Gefühle, Vorurteile, Erwartungen und Wünsche auf diesen richtet. Der Therapeut verlässt hierbei aus verschiedenen Motiven - i.d.R. vorübergehend - seine objektive Position.


Inhaltsverzeichnis

  • 1 Herkunft des Konzeptes
  • 2 Positive und negative Gegenübertragung
  • 3 Konkordante und komplementäre Gegenübertragung
  • 4 Umgang mit Problemen der Gegenübertragung
  • 5 Abgrenzung
  • 6 Weiterführende Links
  • 7 Quellen

Herkunft des Konzeptes

Die Beobachtung dieses Phänomens geht auf Sigmund Freudzurück, der feststellte, dass eine Übertragung nicht nur selbst einen Widerhall früherer Beziehungen darstellt, sondern ihrerseits ein Echo im Therapeuten hervorruft. Freud forderte, es in der therapeutischen Sitzung zu bekämpfen und auszuschließen ("in sich erkennen und bewältigen"[1]). Zunächst hatte er auch in der Übertragungdes Patienten auf den Therapeuten ein Therapiehindernis gesehen, dessen Nutzen für die therapeutische Arbeit er später erkannte.[2] Hingegen blieb es Paula Heimann[3] vorbehalten, die zentrale Bedeutung der Gegenübertragung für die psychotherapeutische Arbeit verständlich und zugänglich zu machen.

Es handelt sich, ebenso wie bei der Übertragung, um ein gewöhnliches Phänomen, das im sozialen Kontext weit verbreitet ist und - sozusagen "im Kleinen" - fast in jedem zwischenmenschlichen Kontakt vorkommt. Wie Übertragungen sind auch Gegenübertragungen praktisch allgegenwärtig, da Menschen, die miteinander zu tun haben, im Gegenüber ständig unbewusst Gefühle auslösen, die mit ihrer eigenen Geschichte zu tun haben. In der Psychotherapiekann Gegenübertragung ein Hindernis darstellen, zugleich aber auch ein sehr wertvolles und sensibles Diagnoseinstrument. Voraussetzung hierfür ist eine hinreichende Selbsterfahrung des Therapeuten, in der er seine eigenen Konflikte, Kränkbarkeiten etc. kennenlernen konnte. Nur vor diesem Hintergrund kann der Therapeut erkennen und unterscheiden, was er aus seiner eigenen Lebensgeschichte mitbringt und was Teil der Problematik des Patienten ist, deren Teil er vorübergehend wird und werden muss. Längerfristig unerkannt, kann Gegenübertragung zu Verstrickungen und zu einer Gefährdung der Therapie führen, die zwar nicht notwendigerweise iatrogenim Sinne einer vom Therapeuten ausgehenden Störung sein müsste, gleichwohl ihre Ursache in der Schwäche des Therapeuten hätte, dessen Abwehrmit der des Patienten ein Bündnis eingehen würde.

Beispiel: Ein Patient fühlt sich von seiner Therapeutin gut verstanden und hegt freundschaftliche oder zärtliche Gefühle für sie (Übertragung), macht ihr Geschenke und lädt sie zum Kaffee ein (agierte Übertragung). Sie findet ihn sympathisch und verspürt eine Tendenz, auf das Angebot einzugehen (Gegenübertragung). Ginge sie tatsächlich darauf ein und nähme die Einladung an, so würde sie ihre Gegenübertragung agierenund damit gegen das Gebot der Abstinenzverstoßen. Engere Beziehungen oder Freundschaften zwischen Therapeut und Patient machen therapeutisches Arbeiten unmöglich, da dieses eine hinreichende emotionale Distanz voraussetzt. Derartige Beziehungen sind daher nicht mit dem Berufsethosder Psychotherapeutenvereinbar.

Auch in der pädagogischen Arbeit ist eine Balance von Nähe und Distanz unverzichtbar, zumal hier eine noch deutlichere Stärke-Schwäche-Dynamik zugrundeliegt als im psychotherapeutischen Kontext. Personen, die sich in einer Schwächeposition befinden, sind auf die objektive und vorurteilsfreie Behandlung durch einen Stärkeren angewiesen.


Positive und negative Gegenübertragung

Prinzipiell lassen sich - wie bei der Übertragung - positive und negative Gegenübertragung unterscheiden, je nachdem, ob eher angenehme oder eher unangenehme Gefühle im Vordergrund stehen.

Die Formen der Gegenübertragung sind sehr vielfältig. Sie reichen von Zuneigung, sozialen oder zärtlichenWünschenbis hin zu negativen Gefühlen, Abneigungoder abwertenden Gedanken und Äußerungen, die der Therapeut dem Patienten entgegen bringen kann.


Konkordante und komplementäre Gegenübertragung

Gegenübertragung kann sowohl (komplementär)ein Gegenstück zur Übertragung sein, als auch (konkordant)gleichartige Gefühle beinhalten.[4] Hierfür zwei Beispiele aus dem pädagogischen Bereich:

  • Konkordante Gegenübertragung (gleichartige, mit dem Erleben des Gegenübers übereinstimmende emotionale Reaktion): Ein Erzieher fühlt sich von einem Kind so behandelt, wie sonst das Kind behandelt wird (bzw. wie es sich behandelt fühlt).
  • Komplementäre Gegenübertragung (entgegengesetzte emotionale Reaktion, d.h. Identifikation mit einer Beziehungsperson des Gegenübers): Eine Erzieherin fühlt sich in der Elternrolle, beispielsweise wie die "überbehütende" Mutter oder der "strafende" Vater.


Umgang mit Problemen der Gegenübertragung

Der Umgang mit der Gegenübertragung stellt eine der größten Herausforderungen und Chancen für Psychotherapeuten, Pädagogen etc. in ihrer Arbeit dar. Nicht selten sind in psychotherapeutischen Sitzungen zur Sprache kommende Vorstellungen und geheime Wünsche des Patienten nach alltäglichem Urteil tatsächlich nicht angemessen und von Idealisierungen oder Perversionen geleitet. Dies ist jedoch Ausdruck der psychischen Probleme, wegen derer der Patient die Hilfe sucht und die aufzulösen die Aufgabe der Therapie ist. Der Therapeut ist darauf vorbereitet, dass dies auftreten kann und reagiert nicht (wie das soziale Umfeld des Patienten) persönlich betroffen, sondern mit freundlicher Neutralität.

Bei Schwierigkeiten im Übertragungs-Gegenübertragungs-Gefüge ist zur Auflösung der Situation häufig Unterstützung von dritter Seite nötig, beispielsweise reflektierendeGespräche, Intervisionoder Supervisionmit Kollegen sowie ggf. psychotherapeutischeHilfe. Bei einer erfolgreichen Bearbeitung der Gegenübertragung erhält der Therapeut nicht nur eine vertiefte Einsicht in die Schwierigkeiten des Patienten, sondern auch in zentrale Themen seiner eigenen Person.


Abgrenzung

Während bei der Übertragungder Patient emotional auf die Person des Therapeuten reagiert, ist es bei der Gegenübertragung umgekehrt.

Die projektive Identifikationist ein spezieller Übertragungsmechanismus, bei dem der Patient den Therapeuten in seine individuelle Konfliktkonstellation mit einbezieht. Der Therapeut soll dabei stellvertretend für den Patienten unbewältigte Konflikte lösen, was in der Person des Therapeuten wiederum häufig heftige Gegenübertragungsgefühle auslöst. Gegenübertragung und projektive Identifikation treten deshalb in einer Therapiebeziehung häufig gemeinsam auf.

Weiterführende Links

(siehe auch Psychotherapie, Übertragung (Psychoanalyse), Widerstand (Psychoanalyse))


Quellen

  1. Sigmund Freud (1910). Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie. Gesammelte Werke (Bd. VIII, S. 104-115). Frankfurt/M.: Fischer. ? 
  2. Sigmund Freud (1912). Zur Dynamik der Übertragung. Gesammelte Werke (Bd. VIII, S. 364-374). Frankfurt/M.: Fischer. ? 
  3. Paula Heimann (1950). On countertransference. International Journal of Psychoanalysis, 31, 81-84. ? 
  4. Heinrich Racker (1978). Übertragung und Gegenübertragung. München: Ernst Reinhardt. ? 
Von "http://de.wikipedia.org/Gegen%C3%BCbertragung"



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